Globale psychische Gesundheit: Vom Bewusstsein zum gemeinsamen Handeln

09. Oktober 2026 I  News from the Hub  I von : Jinan Abi Jumaa, Anna Grigoryan, Franziska Laporte Uribe

Anlässlich des World Mental Health Day thematisieren Mitglieder unserer Global Mental Health Community die anhaltenden Herausforderungen im Bereich der psychischen Gesundheit und zeigen auf, wie gemeinsames Handeln dazu beitragen kann, psychische Gesundheit stärker auf der globalen Gesundheitsagenda zu verankern.

Psychische Gesundheit ist ein grundlegender Bestandteil von Gesundheit und Wohlbefinden und eine wichtige globale Priorität im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur als Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen“. Doch es gibt keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit – und psychische Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit psychischer Störungen oder Beeinträchtigungen.

Psychische Gesundheit ist eine große globale Gesundheitsbelastung

Psychische Erkrankungen betreffen Menschen in allen Lebensphasen und tragen erheblich zu Behinderungen, vorzeitiger Sterblichkeit, sozialer Ausgrenzung und wirtschaftlichen Verlusten bei. Die Studie „Global Burden of Disease“ zeigt, welchen erheblichen Anteil sie weltweit an den mit Beeinträchtigungen gelebten Lebensjahren haben [1]. In der Europäischen Region der WHO lebt etwa jede sechste Person mit einer psychischen Erkrankung, während jede vierte Person mit einer Psychose keine formelle Behandlung oder Betreuung erhält [2]. Jedes Jahr sterben in der Region mehr als 120.000 Menschen durch Suizid – das sind über 300 Todesfälle täglich.

Die Belastung geht über die unmittelbaren gesundheitlichen Folgen hinaus. Depressionen und Angstzustände gehen weltweit mit geschätzten 12 Milliarden verlorenen Arbeitstagen pro Jahr und Produktivitätsverlusten in Höhe von etwa 1 Billion US-Dollar einher [3]. Psychische Gesundheit ist daher nicht nur ein klinisches Problem, sondern auch ein wichtiger Faktor für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung.

Ungleichheiten zeigen sich über den gesamten Lebensverlauf hinweg. Bei Jugendlichen in der Europäischen Region der WHO haben sich Indikatoren für psychische Gesundheit und Wohlbefinden verschlechtert: Mehr als 40 % fühlen sich durch schulische Anforderungen unter Druck gesetzt, 16 % berichten von Cybermobbing, jede fünfte jugendliche Person gibt an, nicht ausreichend Unterstützung durch Familie oder Freundeskreis zu erhalten, und jedes vierte 15-jährige Mädchen gibt an, sich einsam zu fühlen [2]. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, neben Interventionen auf individueller Ebene auch soziale und umweltbedingte Determinanten der Gesundheit zu berücksichtigen.

Psychische Gesundheitsversorgung ist nach wie vor unterfinanziert

Trotz dieser Krankheitslast wird die psychische Gesundheitsversorgung in vielen Gesundheitssystemen nach wie vor vergleichsweise unzureichend finanziert.

Auf die psychische Gesundheit entfällt nur ein relativ geringer Anteil der Gesundheitsausgaben. Dies verdeutlicht die anhaltende Kluft zwischen den Bedürfnissen der Bevölkerung und den Investitionen in Gesundheitsförderung, Prävention und Behandlung. So fließen beispielsweise nur 3,9 % der Forschungsmittel im Bereich der psychischen Gesundheit in die Prävention.

Stigmatisierung und Diskriminierung stellen nach wie vor große Hindernisse für die Inanspruchnahme von Unterstützung dar. Zugleich bestehen beträchtliche Versorgungslücken bei integrierten und gemeindenahen Angeboten zur psychischen Gesundheitsversorgung. Um die globale Krankheitslast zu bewältigen, bedarf es daher eines umfassenden Public-Health-Ansatzes, der über die Behandlung hinausgeht und Prävention, Frühintervention, Gesundheitsförderung im Bereich psychische Gesundheit, gemeindenahe Versorgung sowie Maßnahmen zu den übergeordneten Determinanten der Gesundheit einschließt.

Unsere Global-Mental-Health-Community zeigt, wie sektorübergreifende Zusammenarbeit gelingen kann

Das Ausmaß und die Komplexität dieser Belastung machen eines deutlich: Psychische Gesundheit kann nicht allein vom Gesundheitssektor angegangen werden. Sie wird geprägt von Krisen und Notfällen, digitalen Umgebungen, dem Klimawandel und der Fähigkeit von Gesundheits- und Sozialsystemen, Menschen dann und dort zu erreichen, wo sie Unterstützung benötigen. Globale psychische Gesundheit ist daher ein sektorübergreifendes Thema, das eine Zusammenarbeit über Sektoren, Fachdisziplinen und Ländergrenzen hinweg erfordert.

Die Arbeit der „Global Mental Health Community of Practice“ des Global Health Hub Germany veranschaulicht diese Zusammenhänge. Die Pandemievorsorge ist ein Beispiel dafür. Im Jahr 2026 veranstaltete unsere Community ein Webinar mit Anna Grigoryan, die ihre fachliche Expertise und ihre unmittelbaren Erfahrungen aus dem Einsatz der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) während des Ebola-Ausbruchs in Westafrika 2014–2015 teilte, einschließlich ihres Einsatzes in Sierra Leone. Die Diskussion machte deutlich, dass Ausbrüche nicht nur Notfälle im Bereich der Infektionskrankheiten sind: Psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung müssen in Krisenvorbereitung und in die Notfallmaßnahmen integriert werden, anstatt erst nachträglich berücksichtigt zu werden. 

Die digitale Transformation bringt weitere Herausforderungen mit sich. Beim Global Health Talk 2026 untersuchte unsere Community die Nutzung sozialer Medien durch Jugendliche als „zweischneidiges Schwert“. Eine problematische Nutzung kann die psychosoziale Funktionsfähigkeit beeinträchtigen, während eine unterstützende Nutzung soziale Kontakte, emotionale Unterstützung, den Zugang zu psychische Gesundheitsinformationen und ein Zugehörigkeitsgefühl fördern kann. Unsere Arbeit weist auf drei sich ergänzende Handlungsansätze hin: junge Menschen als aktive Mitgestaltende stärken, Jugendliche, Eltern und Betreuungspersonen aufklären sowie geeignete Regulierungs- und Umsetzungsmechanismen entwickeln.

Der Klimawandel ist ein weiteres Beispiel dafür, warum psychische Gesundheit in allen Handlungsfeldern der globalen Gesundheit berücksichtigt werden muss. In unserem Community Paper von 2024, das gemeinsam mit Mitwirkenden aus anderen Hub-Communities erarbeitet wurde, argumentieren wir, dass Klimawandel und psychische Gesundheit untrennbar miteinander verbunden sind. Zugleich fordern wir transdisziplinäre Ansätze, die über einzelne Fachdisziplinen hinausgehen. Im Paper greifen wir außerdem Forschung zu Menschen mit Demenz in Krisensituationen als Beispiel dafür auf, wie interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit zu reaktionsfähigeren und resilienteren Gesundheitssystemen beitragen kann.

Mit Blick auf die Zukunft wird die universelle Gesundheitsversorgung (UHC) einen wichtigen Schwerpunkt für unsere Community darstellen. Eine universelle Gesundheitsversorgung kann nicht erreicht werden, wenn die psychische Gesundheit außer Acht gelassen wird. Der gerechte Zugang zu Förderung, Prävention, Versorgung und Unterstützung im Bereich der psychischen Gesundheit muss Teil des Aufbaus widerstandsfähiger und inklusiver Gesundheitssysteme sein.

Keine Veränderung ohne kollektives Handeln

Das Bewusstsein muss nun in konkretes Handeln umgesetzt werden. Globale psychische Gesundheit braucht nachhaltige Investitionen und eine verlässliche Finanzierung, stärkere politische Aufmerksamkeit sowie die Zusammenarbeit zwischen Entscheidungstragenden, Forschenden, Fachkräften der Gesundheits- und Sozialversorgung, der Zivilgesellschaft, den Communities, Menschen mit eigener Erfahrung psychischer Erkrankungen und dem Privatsektor. Keine einzelne Disziplin, kein einzelner Sektor und keine einzelne Organisation kann diese Herausforderungen allein bewältigen.

Die Community of Practice für Global Mental Health bietet einen Raum, um diese Verbindungen aufzubauen, Fachwissen auszutauschen und gemeinsame Prioritäten in koordiniertes Handeln zu überführen. Wir laden alle ein, die im Bereich der psychischen Gesundheit und darüber hinaus tätig sind, sich uns anzuschließen: Bringen Sie Ihre Stimme, Ihr Fachwissen, Ihre Erkenntnisse und Ihre Fragen ein – und tragen Sie dazu bei, psychische Gesundheit zu einem integralen Bestandteil der globalen Gesundheit zu machen.


Quellen 

[1]GBD 2019 Mental Disorders Collaborators (2022). Global, regional, and national burden of 12 mental disorders in 204 countries and territories, 1990–2019: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2019. The Lancet Psychiatry.

[2]World Health Organization Regional Office for Europe (2024).Mental health systems capacity in European Union Member States, Iceland and Norway.

[3]World Health Organization (2022). WHO guidelines on mental health at work.

 

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