Klimakrise und Gesundheit: Jedes Zehntelgrad entscheidet über Leben

23. Juni 2026 I  News ,  Climate & Health  I von : Alina Seebacher, Humanitarian Advocacy Officer bei Ärzte ohne Grenzen Deutschland e. V.
© Mohamed Dayfour Diawara/MSF

Als Ärzte ohne Grenzen sehen wir täglich, wie die Klimakrise Krankheiten verschärft, Menschen vertreibt und Gesundheitssysteme überlastet. Medizinische Hilfe allein reicht nicht aus.

Zum Titelbild: Jedes Jahr während der Regenzeit ist der Landkreis Tenenkou in Mali von Überschwemmungen betroffen. Die außergewöhnlich starken Regenfälle im Jahr 2024 führten zu schweren Fluten und vertrieben zahlreiche Familien. Hier trifft ein Team von Ärzte ohne Grenzen Menschen, die durch das Hochwasser ihre Häuser verloren haben.

Die Klimakrise ist eine Gesundheitskrise - schon heute

Für unsere Patient*innen ist die Klimakrise kein abstraktes Zukunftsszenario, sondern längst medizinische Realität. Sie zeigt sich in fehlendem Trinkwasser, Ausbrüchen klimasensibler Krankheiten und Gesundheitssystemen, die den wachsenden Herausforderungen nicht standhalten können. In vielen unserer Einsatzländer treffen diese Folgen auf ohnehin fragile Strukturen – geschwächt durch Konflikte, Armut oder Vertreibung. 

Wir warnen seit Jahren: Die Klimakrise ist eine Gesundheits- und eine humanitäre Krise – und sie eskaliert.

Gesundheitliche Folgen nehmen zu – und sind ungleich verteilt

Die gesundheitlichen Folgen dieser Eskalation sind bereits deutlich sichtbar. Nach Überschwemmungen behandeln unsere Teams vermehrt Durchfallerkrankungen, Hautinfektionen oder Hepatitis, weil sauberes Wasser fehlt und sanitäre Systeme zusammenbrechen. Längere Dürreperioden führen zu Ernteausfällen, Hunger und Mangelernährung, besonders bei Kindern. Ihr Immunsystem wird geschwächt, sie werden anfälliger für weitere Krankheiten. Ein Teufelskreis.

Gleichzeitig verändern sich Krankheitsmuster. Malaria, Dengue oder Cholera treten aufgrund veränderter Temperaturen und Niederschlagsmuster häufiger auf oder breiten sich in Regionen und Jahreszeiten aus, in denen sie früher nicht vorkamen. Hinzu kommen wachsende psychische Belastungen durch wiederholte Krisen, Vertreibung und den Verlust von Lebensgrundlagen – besonders bei Menschen mit ohnehin knappen Ressourcen, um diese enormen Herausforderungen zu bewältigen.

Diese Folgen treffen Menschen weltweit sehr ungleich. Länder mit niedrigem Einkommen und kleine Inselstaaten tragen die größte Last, obwohl sie am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben. WHO‑Analysen zeigen, dass die Sterberaten durch Extremwetter in besonders vulnerablen Regionen im letzten Jahrzehnt 15-mal höher lagen als anderswo. Auch innerhalb von Gesellschaften sind besonders gefährdete Gruppen, wie Kinder, ältere Menschen oder chronisch Kranke, besonders betroffen.

Globale Gesundheitsrisiken erreichen Rekordwerte

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet den Klimawandel als eine der größten Bedrohungen für die globale Gesundheit. Der Lancet Countdown 2025 - eine führende wissenschaftliche Analyse zu Klimawandel und Gesundheit - zeigt, dass viele klimabedingte Gesundheitsrisiken bereits heute historische Höchststände erreichen. Jährlich sterben mehr als eine halbe Million Menschen an hitzebedingten Ursachen; Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe verursacht rund 2,5 Millionen zusätzliche Todesfälle pro Jahr. Und dennoch fließen weiterhin fast eine Billion US-Dollar jährlich in fossile Subventionen. 

Besonders alarmierend ist, dass viele Gesundheitssysteme auf diese steigenden Risiken nicht vorbereitet sind. Sie sind nur begrenzt widerstandsfähig gegenüber Extremwetter, Krankheitsausbrüchen oder plötzlichen Versorgungslücken. Die Diagnose ist klar: Mit jedem weiteren Zehntelgrad Erwärmung verschärfen sich die gesundheitlichen Folgen und der Druck auf Gesundheitssysteme.

Aktuell erwarten wir ein starkes El Niño-Ereignis in den kommenden Monaten. In Kombination mit einem bereits durch den Klimawandel erwärmten Planeten kann es Extremwetter, Ernährungsunsicherheit sowie die Belastung fragiler Gesundheitssysteme weiter verstärken – und damit in vielen Regionen medizinische und humanitäre Bedarfe zusätzlich erhöhen. 

Steigende Bedarfe – sinkender Handlungsspielraum

Aus humanitärer Sicht treibt die Klimakrise nicht nur Bedarfe in die Höhe. Sie wirkt auch als Krisenmultiplikator und erschwert die Umsetzung lebenswichtiger Hilfe. Klimaschocks treffen häufig auf bereits bestehende Krisen und strukturelle Schwächen – etwa Konflikte, Epidemien oder Vertreibung – und verschärfen diese weiter. In vielen Ländern, in denen wir arbeiten, folgen Krisen Schlag auf Schlag, ohne dass Gemeinschaften oder Systeme Zeit zur Erholung haben.

In der Sahelzone führen wiederkehrende Dürren zu Wasser- und Nahrungsmittelknappheit und verstärken soziale Spannungen. Im Südsudan überlagern sich Überschwemmungen, Krankheitsausbrüche, Fluchtbewegungen und Gewalt – mit gravierenden Folgen für die Bevölkerung. Nach Taifunen auf den Philippinen sind Straßen zerstört, Lieferketten unterbrochen und Gesundheitszentren beschädigt. Unsere Teams erreichen Patient*innen oft nur mit großer Verzögerung.

Für humanitäre Organisationen bedeutet das: Die Bedarfe steigen, Einsätze werden komplexer und teurer – während gleichzeitig weltweit Mittel für humanitäre Hilfe und Gesundheitsversorgung gekürzt werden, insbesondere durch wichtige Geber wie die USA und Deutschland. Zwar arbeitet Ärzte ohne Grenzen dank privater Spenden unabhängig von staatlicher Finanzierung. Doch in vielen Kontexten erleben wir, wie ganze Versorgungsstrukturen erodieren, wenn externe Unterstützung wegbricht und die Bedarfe gleichzeitig wachsen. Diese Lücken kann keine einzelne Organisation schließen.

 

Exkurs Somalia: Dürre als medizinischer Notfall

Die aktuelle Dürre in Somalia zeigt, wie schnell die Klimakrise zur medizinischen Notlage wird. Vier ausgefallene Regenzeiten in Folge haben Millionen Menschen in eine akute Krise gedrängt. Mehr als 6,5 Millionen Menschen – etwa jede vierte Person – sind von Ernährungsunsicherheit betroffen.

In den von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Gesundheitseinrichtungen in Baidoa behandeln wir derzeit so viele schwer mangelernährte Kinder wie seit Jahren nicht mehr. Bereits vor dem Höhepunkt der saisonalen Ernährungskrise kommen mehr Kinder an, als wir versorgen können. Viele sind bereits in kritischem Zustand. Andere müssen früher entlassen werden, als medizinisch vertretbar wäre – zurück in Haushalte, in denen es weiterhin an Nahrung und sauberem Wasser fehlt. In manchen Fällen ist es zu spät, und Kinder sterben an den Folgen von Mangelernährung. Landesweit werden voraussichtlich in diesem Jahr mehr als 1,8 Millionen Kinder unter fünf Jahren von akuter Mangelernährung betroffen sein. 

Gleichzeitig steigt das Risiko wasserbedingter Krankheiten, weil viele Menschen auf unsichere Wasserquellen zurückgreifen müssen. Unsere Teams reagieren mit medizinischer Versorgung, Ernährungsprogrammen sowie Maßnahmen im Bereich Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene. Gleichzeitig brechen andernorts wichtige Versorgungsangebote weg: Allein im vergangenen Jahr mussten in Somalia rund 200 Gesundheitseinrichtungen und 300 Ernährungszentren schließen – nicht wegen fehlender Bedarfe, sondern wegen fehlender Finanzierung.

Anpassen, vorausschauen, innovativ handeln

Um auch unter den Bedingungen des Klimawandels weiterhin wirksame humanitäre Antworten zu finden, passen wir bei Ärzte ohne Grenzen unsere Arbeit an. Klimabedingte Risiken fließen stärker in unsere Projektplanung ein – etwa durch Risiko- und Vulnerabilitätsanalysen – und Versorgungstrategien werden in besonders klimagefährdeten Regionen angepasst. 

Dabei wird deutlich, wie eng Gesundheit und Umwelt miteinander verbunden sind – ein Kernprinzip des One-Health-Ansatzes. Ein Beispiel ist Kiribati im Pazifik: Der steigende Meeresspiegel versalzt dort Süßwasserquellen und gefährdet die Trinkwasserversorgung. Also arbeitet Ärzte ohne Grenzen daran, den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu unterstützen und so gesundheitliche Folgen klimabedingter Umweltveränderungen zu reduzieren.

Ein weiterer Schwerpunkt sind verbesserte Daten und Frühwarnsysteme, sodass wir früher handeln können, statt nur zu reagieren. Ein von unseren Teams entwickeltes Hitze‑Monitoring‑Tool kann extreme Hitzeereignisse bis zu zehn Tage im Voraus erkennen. Es wird derzeit in mehreren Ländern getestet und ermöglicht es, Personal, Infrastruktur und medizinische Versorgung rechtzeitig anzupassen – bevor hitzebedingte Krankheitswellen ihren Höhepunkt erreichen. Ähnliche Ansätze nutzen wir, um Malaria-Spitzen frühzeitig vorherzusagen und Krankheits‑ sowie Sterberaten zu senken.

Gleichzeitig erproben wir neue Ansätze zur Eindämmung klimasensibler Krankheiten. Ein Beispiel ist die Wolbachia‑Methode gegen Dengue, die Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit Partnern in Honduras getestet hat. Dabei werden Mücken mit dem Wolbachia‑Bakterium ausgestattet, was die Übertragung des Dengue‑Virus auf Menschen reduziert. Erste Ergebnisse sind vielversprechend und zeigen, wie Innovation Teil der Anpassung sein kann. 

Es braucht einen politischen Kurswechsel – und deutlich mehr Tempo bei der Umsetzung

Humanitäre und medizinische Hilfe kann akute Not lindern und Leben retten – sie kann strukturelle Versäumnisse jedoch nicht ausgleichen. Ohne politischen Kurswechsel wachsen die Lücken schneller, als wir sie schließen können.

Deshalb braucht es politische Entscheidungen, die dem tatsächlichen Ausmaß der Krise gerecht werden und an den strukturellen Ursachen ansetzen. Deutschland trägt hier besondere Verantwortung – als global anerkannter Akteur in der humanitären Hilfe, der globalen Gesundheit und der internationalen Klimapolitik. Es braucht klima-resiliente Gesundheitssysteme, wirksamen Klimaschutz, verlässliche Klimafinanzierung und gezielte Unterstützung der am stärksten betroffenen Länder und Gemeinschaften. 

Die Klima-Zwischenverhandlungen in Bonn (SB64), welche in den letzten zwei Wochen stattfanden um die kommende Weltklimakonferenz (COP31) vorzubereiten, endeten erneut ohne wesentliche Fortschritte. In zentralen Bereichen wie Anpassungsfinanzierung und Emissionsminderung blieben die Verhandlungen in einer Blockade stecken.

Zwar erhält das Thema Gesundheit in den internationalen Klimaverhandlungen inzwischen mehr Aufmerksamkeit – doch das reicht nicht aus. Notwendig ist eine konsequente Verzahnung von Klima‑ und Gesundheitspolitik und deren konkrete Umsetzung. Gesundheit muss daher fester Bestandteil der internationalen Klimadebatte bleiben – auch mit Blick auf die COP31 im November in Antalya. Denn was heute politisch versäumt wird, begegnet uns morgen als gesundheitliche Notlage. In unseren Projekten ist das bereits Realität. Und jeden Tag sehen wir, wer diesen Preis zahlt.

 

 

Wir haben Alina Seebacher von Ärzte ohne Grenzen gebeten, ihre Einschätzungen und Erfahrungen zum Zusammenhang zwischen Klimawandel und Gesundheit mit uns zu teilen. Die von ihr geäußerten Ansichten sind ihre eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die des Global Health Hub Germany wider.

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