Millionen Kinder ohne eine einzige Impfung – Warum es konkrete Maßnahmen braucht

22. April 2026 I  News ,  Communicable diseases ,  Health Financing  I von : Alexio Mangwiro, Senior Director, Vaccines, Clinton Health Access Initiative
© CHAI

Die Welt ist mittlerweile gut darin, ungeimpfte Kinder zu identifizieren. Die große Herausforderung besteht darin, diese Kinder zuverlässig erreichen zu können.

Jedes Jahr wachsen Millionen von Kindern ohne Schutz vor Krankheiten auf, die durch Impfungen vermeidbar wären. Im Jahr 2024 hatten schätzungsweise 14,3 Millionen Kinder noch keine einzige Impfung erhalten. Keine erster Piks. Keine Eintragung im Gesundheitssystem. Millionen weitere Kinder beginnen zwar mit routinemäßigen Impfungen, schließen den Impfplan aber nicht vollständig ab. Mehr als die Hälfte der Kinder weltweit, die noch keine einzige Impfung erhalten haben, konzentriert sich auf eine kleine Anzahl von Ländern, darunter Äthiopien, die Demokratische Republik Kongo, Indien, Indonesien, Nigeria und Pakistan. Viele leben in abgelegenen, ländlichen oder von Konflikten betroffenen Gebieten oder sind vertrieben, sehr mobil und leben in Gemeinschaften, die von den Gesundheitssystemen nur schwer erreicht werden können. Die rasante Urbanisierung verschärft die Herausforderung: Bis 2050 werden voraussichtlich fast 68 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben, und ein wachsender Anteil der Kinder ohne Impfdosen lebt in schnell wachsenden informellen städtischen Siedlungen. Hier haben traditionelle Ansätze Schwierigkeiten, die Kinder zu erreichen. Die Herausforderungen sind jedoch nicht nur geographischer Natur. Sie hängen damit zusammen, wie Gesundheitssysteme aufgebaut sind.

Die globale Gesundheitsgemeinschaft ist mittlerweile gut darin, zu erkennen, wer übersehen wird und warum. Die größere Herausforderung besteht darin, sicherzustellen, dass diese Kinder ihren Impfplan vollständig abschließen. Lösungsversuche sind oft neue Initiativen, Kampagnen oder vertikale Programme – die neben den Routinegesundheitssystemen bestehen, anstatt diese zu verändern. Der einzig finanzielle und operativ nachhaltige Weg alle Kinder zu erreichen, besteht darin, die Bemühungen zur Erreichung und Bindung von Kindern, die noch keine Impfung erhalten haben, in die tägliche Arbeit der routinemäßigen Impfsysteme zu integrieren. Die Hindernisse wegen derer Kinder nicht erreicht werden, unterscheiden sich je nach Kontext und ändern sich im Laufe der Zeit; daher muss auch die Ausgestaltung dieser Integration von Ort zu Ort unterschiedlich aussehen. 

Warum Kinder nicht erreicht werden

Drei Hindernisse entscheiden darüber, ob Kinder geimpft werden: Zugang, Impfbereitschaft und die Kapazitäten des Gesundheitssystems. Ihre relative Bedeutung variiert je nach Kontext und ändert sich im Laufe der Zeit – deshalb müssen Maßnahmen und das Zusammenspiel von Maßnahmen entsprechend angepasst werden.

Zugangsbarrieren sehen je nach Standort unterschiedlich aus. In manchen Regionen sind Entfernung und Mobilität die Haupthindernisse. In anderen kommt es darauf an, ob eine Klinik zu einer Zeit geöffnet ist, zu der berufstätige Betreuungspersonen kommen können, oder ob überhaupt Gesundheitsdienstleistungen verfügbar sind. Bei Impfbereitschaft geht es um mehr als nur um die Bereitschaft, Kinder impfen zu lassen. Betreuungspersonen müssen nicht nur davon überzeugt werden, ihre Kinder impfen zu lassen; sie brauchen Dienstleistungen, auf die sie sich verlassen können. Wenn frühere Besuche mit Lieferengpässen oder abgesagten Terminen endeten, kommen die Betreuungspersonen nicht mehr zurück. Die Kapazitäten des Gesundheitssystems sind oft der entscheidende Faktor. Selbst wenn Länder wissen, wo ungeimpfte Kinder leben, ist es schwierig sie zu erreichen, wenn Impfstoffe nicht verfügbar sind, die Kühlkettenlogistik unzuverlässig ist oder es an einer beständigen Finanzierung für Aufklärungsarbeit mangelt.

Integrierte Maßnahmen in der Praxis

Beispiele aus Kambodscha, Äthiopien und Indonesien zeigen, wie es aussieht, wenn man auf diese Hürden reagiert und die Reaktion in Routinesysteme dieser sehr unterschiedlichen Kontexte einbettet.

In Kambodscha waren der Zugang und die zeitliche Verfügbarkeit von Gesundheitsdiensten (und nicht etwa die Entfernung) oft die Hürden in städtischen und grenznahen Gebieten. Die Dienste wurden zu Zeiten angeboten, zu denen arbeitende Familien und Migrant*innen nicht teilnehmen konnten. Um dieses Problem zu lösen, wurden an den thailändisch-kambodschanischen Grenzübergängen während der wichtigsten Feiertage Aufklärung und Impfungen für migrantische Arbeiter*innen in vier Bezirken angeboten. Die Öffnungszeiten der Gesundheitseinrichtungen wurden in mehr als vierzig Zentren in sieben Bezirken verlängert, um auch städtische Arbeiter*innen zu erreichen, die nicht zu den üblichen Zeiten kommen konnten. Die Maßnahmen fanden koordiniert statt: Das bestehende Personal der Gesundheitszentren führte die Aufklärungsarbeit durch. In den längeren Öffnungszeiten wurden auch Ernährungs- und Entwurmungsgesundheitsdiensten angeboten. Das Ergebnis: In nur einem Jahr konnte der Anteil von ungeimpften Kindern, die erreicht werden, fast verdoppelt werden.

In Äthiopien waren die Kapazitäten des Gesundheitssystems auf der Ebene der primären Gesundheitsversorgung oft die entscheidende Hürde in verschiedenen Bereichen. Die Stärkung der Planung, Betreuung und Nachverfolgung von Kindern unter zwei Jahren - dem Alter, in dem die meisten Routineimpfstoffe verabreicht werden sollten - trug dazu bei, dass die Identifizierung von ungeimpften Kindern zu einer konsequenteren Aufsuchung und Nachverfolgung führte. In Addis Abeba wurden die Impfungen mit Ernährungsmaßnahmen, Entwurmung und anderen Dienstleistungen kombiniert, wodurch der Zeitaufwand und die Einkommensverluste für berufstätige Kinderbetreuer*innen verringert wurden. In den nomadischen Gemeinden in Afar wurden Gesundheitsdienstleistungen durch die Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen lokalen Führungspersonen angepasst, um mobile Bevölkerungsgruppen zu identifizieren und mit Gesundheitsdienstleistungen zu versorgen. In landwirtschaftlichen Gemeinschaften in Oromia wurden durch den Dialog mit traditionellen Heiler*innen kulturelle Barrieren abgebaut, die durch formelle Gesundheitsinformationen nicht beseitigt werden konnten.

In Indonesien bestand die Herausforderung in den Kapazitäten des Gesundheitssystems, d.h. in der genauen Ermittlung derjenigen, die keine Impfungen erhalten haben. Lücken in der Berichterstattung privater Gesundheitseinrichtungen bedeuteten, dass einige Impfungen nicht in nationalen Erfassungen auftauchten, wodurch die Daten zu ungeimpften Kindern nicht korrekt waren. Die Impfdaten privater Einrichtungen wurden in das nationale Register integriert. Zusätzlich wurden sie kombiniert mit geografischen Karten, die den Gesundheitseinrichtungen helfen, ihre Einzugsgebiete besser zu verstehen und zu planen, wo sie Impfstationen aufstellen sollten. So erhielten die Gesundheitsbehörden ein genaueres Bild davon, worauf sie ihren Fokus setzen sollten. Mehr als 220.000 falsche Null-Dosis-Datensätze wurden korrigiert, und die Durchimpfungsrate bei wirklich ungeimpften Kindern stieg um bis zu 6 Prozent.

Bild 1: Free cervical cancer vaccination program for schools in Cambodia (Copyright: CHAI). Bild 2: Pneumococcal conjugate vaccine (PCV) training in Bogor, West Java, Indonesia (Copyright: Yanti Leosari/CHAI). Bild 3: Vaccines department at North Gondar Health in Ethiopia (Copyright: CHAI).

 

Ein nachhaltiges Design

Impfungen gehören nach wie vor zu den kosteneffizientesten Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Da die Mittel der Geberländer abnehmen und die Verpflichtungen zur nationalen Kofinanzierung zunehmen, müssen Evidenzen, was funktioniert sich am Maßstab der Funktionalität zu nachhaltig finanzierbaren Kosten messen lassen. Regierungen stehen vor schwierigen Entscheidungen: welche Maßnahmen sollen finanziert werden, wo sollen sie eingesetzt und wie sollen sie angeordnet werden, und welche Kompromisse sollen in Kauf genommen werden, wenn das Budget knapp ist.

Operative Zuverlässigkeit ist dabei von zentraler Bedeutung. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit bis zu 50 Prozent der Impfstoffe aufgrund von Kühlketten- und Logistikproblemen unbrauchbar und damit verschwendet werden. Wenn Gesundheitseinrichtungen Termine absagen, weil die Impfstoffe nicht rechtzeitig eingetroffen sind, untergräbt dies das Vertrauen und erhöht die Abbrecherquote. Zuverlässige Lieferketten sind nicht nur eine technische Voraussetzung. Sie sorgen dafür, dass die Betreuungspersonen für jede Impfdosis, die ihr Kind braucht, wiederkommen.

Die Zuverlässigkeit der Versorgung wird jedoch im Vorfeld durch die Marktdynamiken und Kaufentscheidungen bestimmt. Die Einführung von Produkten wie HPV- & Malaria-Impfungen und Impfungen für Mütter erhöht die Komplexität von Impfprogrammen. Die Produkteigenschaften bestimmen die Anforderungen an die Kühlkette. Die Preisgestaltung bestimmt, was sich Regierungen leisten können. Die Vorhersehbarkeit der Versorgung ist die Grundlage für eine effektive Planung. Wenn diese Entscheidungen nicht mit den tatsächlichen Gegebenheiten abgestimmt sind, besteht die Gefahr, dass neue Impfstoffe genau die Systeme überfordern, die sie beliefern sollen.

 

Jedes Kind, jedes Gesundheitssystem

Mit weltweit mehr als vierzehn Millionen Kindern, die keine einzige Impfung erhalten haben, bleibt die Herausforderung groß. Fortschritte hängen davon ab, dass wir über die Identifizierung ungeimpfter Kinder hinausgehen und die Systeme stärken, die die Impfstoffe tagtäglich bereitstellen.

Anstatt parallele Programme einzuführen, können Organisationen, die sich mit der Bereitstellung von Impfstoffen und der Gestaltung des Marktes befassen, Regierungen dabei helfen, diesen Ansatz in ihre bereits funktionierenden Systeme einzubetten. Die Clinton Health Access Initiative (CHAI) arbeitet mit Gesundheitsministerien in über zwanzig afrikanischen und asiatischen Ländern zusammen, um Impfprogramme zu stärken. Die Erfahrung von CHAI in Kambodscha, Äthiopien, Indonesien und anderen Ländern zeigt, dass dieser Ansatz replizierbar ist, selbst wenn die spezifische Intervention nicht die gleiche ist: Diagnose der vorherrschenden Hürden; Anpassung des Routineimpfsystems; Integration von Maßnahmen statt Schaffung paralleler Wege.

Wenn Sie mehr über den Ansatz von CHAI zur Stärkung von Immunisierungssystemen erfahren möchten, wenden Sie sich an Alexio Mangwiro, Senior Director, Vaccines bei CHAI [amangwiro@clintonhealthaccess.org].

Anlässlich der Weltimmunisierungswoche vom 24. bis 30. April haben wir Alexio Mangwiro, Senior Director, Vaccines bei CHAI, gebeten, mit uns zu teilen, was nötig ist, um Kinder ohne Grundimmunisierung zu erreichen und die Impflücke zu schließen. Die von ihm geäußerten Ansichten sind seine eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die des Global Health Hub Germany wider.

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