Mütter- und Kindergesundheit: Ein entscheidender Moment
Die Kindersterblichkeit sank jahrzehntelang, jetzt ist dieser Fortschritt in Gefahr. Warum das Überleben von Müttern und Kindern auch heute zentral für die globalen Gesundheitspolitik und die Führungsrolle Deutschlands sein muss.
Über das Titelbild: Opeyemi Akinajo, Consultant in Obstetrics and Gynecology, Lagos University Teaching Hospital, LUTH (left) and Echendu Chinyere, Deputy Director Nursing Services, LUTH (right), fit a limb sensor on a pregnant patient, Kemi Abiloye's (center), on her right finger during a demonstration of the ANNE maternity sensor, an AI-powered device for real-time monitoring of fetal vitals and contractions at the hospital's labor ward in Lagos State, Nigeria on June 4, 2025. ©Gates Archive/Light Oriye
Das Überleben von Müttern und Kindern steht an einem kritischen Wendepunkt
Als Ärztin in ländlichen Gebieten Indiens habe ich oft Frauen betreut, deren Schwangerschaft viel zu schnell lebensbedrohlich wurde, weil medizinische Hilfe zu spät oder gar nicht kam. Ich habe erlebt, wie das Fehlen einer ausgebildeten Hebamme, grundlegender Ausrüstung oder einer rechtzeitigen Überweisung eine Routinegeburt in einen lebensbedrohlichen Notfall verwandeln kann. Viele dieser Situationen sind in den letzten zwei Jahrzehnten seltener geworden, aber sie sind nicht verschwunden – und dieser Fortschritt droht nun zunichte gemacht zu werden.
Zu Beginn dieses Jahrhunderts starben jedes Jahr fast 10 Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag. Fast eine halbe Million Frauen starben jährlich an Komplikationen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, die meisten aus Gründen, die wir zu verhindern wissen.
In den Jahrzehnten danach hat die Welt bemerkenswerte Fortschritte erzielt: Kindersterblichkeit wurde halbiert und Müttersterblichkeit ist um rund 40 Prozent gesunken. Diese Erfolge waren kein Zufall. Sie waren das Ergebnis nachhaltiger Investitionen in einfache, bewährte Maßnahmen und eines gemeinsamen Engagements zum Handeln.
Doch dieser Fortschritt ist nicht mehr garantiert.
Was uns der Fortschritt gelehrt hat
Wir wissen heute, was funktioniert. Die Überlebenschancen verbessern sich, wenn grundlegende, erschwingliche Gesundheitsversorgung konsequent diejenigen erreicht, die sie am dringendsten benötigen: frühzeitige Schwangerschaftsvorsorge, qualifizierte Hebammen bei der Geburt, medizinische Notversorgung bei Komplikationen, zuverlässige Impfprogramme, Mittel zur Familienplanung und gezielte Unterstützung der Ernährung während der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit.
Zusammen haben diese Maßnahmen Millionen von Menschenleben gerettet und die Neugeborenensterblichkeit seit 1990 um mehr als die Hälfte gesenkt.
Ebenso wichtig ist, dass sie ganze Gesundheitssysteme gestärkt haben. Was in vielen Ländern als von Gebern finanzierte Programme in Form von offizieller Entwicklungshilfe oder Initiativen von Stiftungen begann, hat sich zu einer national geführten Infrastruktur entwickelt. Gemeindegesundheitshelfer*innen, Impfprogramme, Programme für Familienplanung und Gesundheitsdienstleistungen für Mütter werden zunehmend in staatliche Haushalte und Politik integriert, was von einer wachsenden Führungsrolle der Länder und politischem Engagement zeugt.
Warnsignale, die wir nicht ignorieren dürfen
Dieser Fortschritt ist nun bedroht. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wird ein Anstieg der Kindersterblichkeit prognostiziert.
Konflikte beeinträchtigen den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Der Klimawandel erhöht das Risiko von Frühgeburten und Schwangerschaftskomplikationen. Und Unterernährung, die oft unsichtbar bleibt, trägt zu fast der Hälfte aller Todesfälle bei Kindern und zu jedem fünften Todesfall bei Müttern bei.
Diese Belastungen kommen zu einer Zeit zusammen, in der sich die weltweite Aufmerksamkeit verlagert und die Finanzmittel knapp werden. Was einst stetige, hart erkämpfte Fortschritte waren, gerät ins Stocken und kehrt sich mancherorts sogar um.
Dies ist ein entscheidender Moment. Wir können es uns nicht leisten, dieses Momentum zu verlieren.
Insbesondere die Rolle Deutschlands ist entscheidend. Als einer der weltweit größten Partner von Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen hat die deutsche Entwicklungszusammenarbeit in den letzten zwei Jahrzehnten maßgeblich zum Fortschritt beigetragen. Ihr weiteres Vorgehen wird mitbestimmen, ob die Mütter- und Kindersterblichkeit weiter sinkt oder wieder zu steigen beginnt.
Eine nachhaltige Finanzierung globaler Gesundheitsinstitutionen wie der Gavi-Impfallianz, des Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria sowie der Global Fincancing Facility für Frauen, Kinder und Jugendliche ist unerlässlich. Diese Investitionen halten Lieferketten am Laufen, gewährleisten den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten und Verhütungsmitteln und unterstützen Gesundheitspersonal an vorderster Front, sei es in ländlichen Kliniken oder in provisorischen Einrichtungen mit minimaler Ausstattung. Sie spielen zudem eine entscheidende Rolle bei der Stärkung von Datensystemen und damit bei der Verbesserung evidenzbasierter Entscheidungsfindung. Wenn diese Unterstützung nachlässt, hat dies unmittelbare Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen und Kindern sowie mittel- und langfristige Folgen für die Leistungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit der Gesundheitssysteme.
Gleichzeitig verstärken Partner wie die Gates Foundation diese Bemühungen. Aufbauend auf jahrzehntelanger Arbeit in den Bereichen Gesundheit von Müttern, Neugeborenen und Kindern sowie Familienplanung setzt die Stiftung verstärkt auf das Ziel, vermeidbare Todesfälle bis 2045 zu beenden. Dies bedeutet, bewährte Maßnahmen wie primäre Gesundheitsversorgung, Impfungen, Familienplanung, Ernährung von Müttern, hochwertige Schwangerschaftsvorsorge und qualifizierte Geburtshilfe auszuweiten und gleichzeitig weiter in die Erforschung wissenschaftlicher Wissenslücken sowie in die Entwicklung innovativer Lösungen zu investieren, um Fortschritt zu beschleunigen. In einer Zeit, in der die weltweite Aufmerksamkeit Gefahr läuft, sich anderen Themen zuzuwenden, trägt ein solches langfristige Engagement dazu bei, Fortschritte zu festigen.
Deutschlands Beitrag zu einer gemeinsamen Agenda
Deutschland spielt bereits eine zentrale Rolle bei der Gestaltung globaler Gesundheitsergebnisse, sowohl durch Finanzierung als auch durch politische Führung.
Deutsche Institutionen tragen dazu bei, die nächste Generation von Lösungen zu definieren. Von Fortschritten in der Neugeborenenversorgung bis hin zu verbesserten Behandlungen für Schwangerschaftskomplikationen – viele der Instrumente, die die Zukunft der Gesundheit von Müttern und Kindern prägen werden, entstehen bereits aus dem deutschen Forschungsökosystem. Diese Kombination aus wissenschaftlicher Exzellenz und praktischer Anwendung ist eine besondere Stärke.
Doch Forschung allein reicht nicht aus. Ihre Wirkung hängt davon ab, ob diese Innovationen diejenigen erreichen, die sie am dringendsten benötigen.
Gleichzeitig befindet sich die deutsche Entwicklungspolitik im Wandel. Da das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung seinen Fokus noch stärker auf messbare Wirkung und Prioritätensetzung richtet, werden schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen.
Die Gesundheit von Müttern und Kindern muss in diesem Prozess eine klare Priorität bleiben. Nicht nur, weil sie Leben rettet, sondern weil sie die übergeordneten Ziele von Stabilität, Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Entwicklung untermauert.
In einer Zeit, in der sich einige Geber zurückziehen, hat Deutschland die Chance und die Verantwortung, die Position zu halten. Seine finanzielle und politische Führungsrolle kann den Fortschritt sichern und weltweit ein starkes Signal senden. Ohne dies werden die Konsequenzen nicht abstrakt sein. Sie werden in verlorenen Menschenleben gemessen werden.
Bewährtes ausweiten, Chancen vorantreiben
Einige der wirksamsten lebensrettenden Mittel sind bereits in Reichweite und bemerkenswert einfach. Die Verfügbarkeit von und der Zugang zu einer Reihe von Verhütungsmitteln helfen Frauen, Schwangerschaften zu planen. Ein kostengünstiges Laken, das den Blutverlust während des Geburt misst, kann dabei helfen, postpartale Blutungen frühzeitig zu erkennen. Eine tägliche Mikronährstoffergänzung kann Anämie vorbeugen und das Risiko von Frühgeburten oder untergewichtigen Neugeborenen verringern.
Das sind keine komplexen Durchbrüche. Es sind praktische Lösungen, die Leben retten, wenn sie konsequent umgesetzt werden.
Gleichzeitig erweitert Innovation die Grenzen des Möglichen. Dank tragbarer, KI-gestützter Ultraschallgeräte können Ärzt*innen an vorderster Front auch in abgelegenen Gebieten Risikoschwangerschaften erkennen. Neue Formulierungen von Lungensurfactant erleichtern die Behandlung von Frühgeborenen außerhalb hochmoderner Krankenhäuser.
Neue Forschungsergebnisse zum mütterlichen Mikrobiom eröffnen neue Wege zur Behandlung von Erkrankungen wie Anämie, Präeklampsie und Frühgeburten, deren potenzielle Relevanz weit über die mütterliche Gesundheit hinausgeht.
Die Herausforderung liegt nun nicht mehr in der Entdeckung, sondern in der flächendeckenden Umsetzung.
Ein Moment für neues Selbstvertrauen
Das Überleben von Müttern und Kindern steht im Mittelpunkt der Ziele für nachhaltige Entwicklung und an der Schnittstelle von Gerechtigkeit, wirtschaftlicher Stabilität und globaler Resilienz. Wenn Mütter überleben, haben Kinder bessere Chancen, sich gut zu entwickeln. Familien sind stärker. Gemeinschaften sind stabiler. Um Ihnen eine Vorstellung von dieser Wirkung zu vermitteln: Ein einziger US-Dollar kann eine Rendite von 16$ erzielen, wenn er in Hebammen investiert wird, 26$ bei Investitionen in Familienplanung und 61$ in grundlegende geburtshilfliche Notfallversorgung und Versorgung von Neugeborenen.
Die letzten 25 Jahre haben gezeigt, dass groß angelegte Veränderungen möglich sind. Was als Nächstes kommt, hängt von anhaltendem Engagement, zuverlässiger Finanzierung, nationaler Führungsstärke und kontinuierlicher Innovation ab.
Deutschland spielt gemeinsam mit Partnerländern, Forscher*innen und der Zivilgesellschaft eine entscheidende Rolle dabei, das Überleben von Müttern und Kindern ganz oben auf der globalen Gesundheitsagenda zu halten.
Das Ziel, vermeidbare Todesfälle bei Müttern und Kindern zu beenden, ist in greifbarer Nähe. Doch nur, wenn wir uns weigern, vermeidbare Verluste als unvermeidlich hinzunehmen.
Wir haben Dr. Sanjana Bhardwaj (Deputy Director, Program Advocacy and Communications, Family Planning / Maternal Newborn and Child Health / Primary Health Care) von der Gates Foundation eingeladen, ihre Einschätzung zur Lage der Mütter- und Neugeborenengesundheit in der globalen Gesundheit zu teilen. Die geäußerten Ansichten sind ihre eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die Positionen des Global Health Hub Germany wider.
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