Global Health Talk 2026 – Brücken bauen für Vertrauen, Zusammenarbeit und gute Governance
Beim diesjährigen Global Health Talk haben wir über Geschlechternormen, die Führungsrolle Deutschlands in der globalen Gesundheit, die soziale Dimension der Pandemievorsorge sowie den Einsatz von künstlicher Intelligenz diskutiert.
Vom 7. bis 8. Juli kam die internationale Global-Health-Community in Berlin zur siebten Ausgabe des Global Health Talk zusammen. Die globale Gesundheitslandschaft befindet sich angesichts einer neuen geopolitischen Ordnung und finanzieller Herausforderungen im Wandel. Im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltung stand daher Deutschlands Rolle in der globalen Gesundheit, die in einem interaktiven „Future Lab“ über beide Konferenztage hinweg beleuchtet wurde. Darüber hinaus diskutierten die Teilnehmenden unter anderem darüber, wie Geschlechternormen Gesundheitssysteme und Gesundheitsergebnisse prägen, sowie über Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz in der globalen Gesundheit und über psychische Gesundheit. Neben der thematischen Vielfalt stießen insbesondere die interaktiven Formate auf große Resonanz – von Zukunftsszenarien über eine Zeitreise bis hin zu virtuellen Reisen mit VR-Brillen.
Podiumsdiskussion | Jenseits der Biologie: Wie Geschlechternormen Gesundheitssysteme und Gesundheitsergebnisse prägen
Der Global Health Talk 2026 begann mit einer Podiumsdiskussion, die das Thema geschlechtersensible Gesundheit aus drei unterschiedlichen Perspektiven beleuchtete. Moderiert wurde sie von Dr. Martina Kloepfer, Gründerin und Präsidentin des Instituts für Gender-Gesundheit e.V.
Prof. Ute Feucht (University of Pretoria, Südafrika) hob HIV und geschlechtsspezifische Gewalt als zentrale Herausforderungen für die Gesundheit von Frauen hervor. Südafrika verfügt über das weltweit größte Programm zur antiretroviralen Therapie und behandelt rund sieben Millionen Menschen. Dennoch besteht die Stigmatisierung fort, da Frauen häufig erst im Rahmen pränataler Untersuchungen diagnostiziert werden.
Stigmatisierung betrifft jedoch alle Geschlechter. Peter Baker (Global Action on Men's Health) verwies darauf, dass starre Vorstellungen von Männlichkeit viele Männer davon abhalten, medizinische oder psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dies trage zu vorzeitigen Todesfällen durch weitgehend vermeidbare Ursachen bei. Baker sprach sich dafür aus, dass Deutschland – wie bereits neun andere Länder – eine nationale Strategie für Männergesundheit entwickelt.
Daran anknüpfend betonte Nate Brown (Pan Africa ILGA), dass geschlechtersensible Gesundheit nicht binär gedacht werden dürfe. Fortschritte seien nur durch gemeinsames Handeln möglich, insbesondere für trans-, intergeschlechtliche und genderdiverse Menschen. Trotz gesetzlicher Schutzmaßnahmen in einigen Ländern meiden rund 30 Prozent der transgeschlechtlichen Menschen aus Angst vor Diskriminierung oder aufgrund unzureichend geschulten Personals den Kontakt zum Gesundheitssystem. Dies unterstreiche den weltweiten Bedarf an besserer Aus- und Weiterbildung.
Keynote Dr. Georg Kippels
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion hielt der Parlamentarische Staatssekretär Dr. Georg Kippels die Keynote im Namen von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken. In direktem Bezug zur vorangegangenen Diskussion bekräftigte er das Engagement der Bundesregierung für eine geschlechtersensible Gesundheitsversorgung. Für das Bundesministerium für Gesundheit bedeute dies ein klares Ziel: eine evidenzbasierte und patientenzentrierte Gesundheitsversorgung.
Dr. Kippels sprach offen über den wachsenden Druck auf die globale Gesundheitsarchitektur und die daraus resultierenden Herausforderungen für Deutschland.
„Wir müssen kreativer und strategischer werden, wenn wir die größtmögliche Wirkung für alle erzielen wollen.“
Im Namen von Ministerin Warken formulierte er drei Prioritäten für die deutsche Gesundheitspolitik:
- die Wirksamkeit des multilateralen Gesundheitssystems stärken,
- die globale Gesundheitssicherheit und Resilienz ausbauen,
- die Rolle der Europäischen Union in der globalen Gesundheit weiter stärken.
Future Lab | Deutschland Führungsrolle in der globalen Gesundheit
Wie und wo kann Deutschland in Zeiten wachsender geopolitischer Instabilität seiner Verantwortung für eine stärkere Führungsrolle in der globalen Gesundheit gerecht werden? Was wäre, wenn globale Lieferketten für Impfstoffe und Gesundheitsprodukte Ziel eines Cyberangriffs würden oder sich infolge des Klimawandels Malaria in Deutschland ausbreiten würde?
Die Teilnehmenden des Global Health Talk setzten sich anhand von fünf Zukunftsszenarien intensiv mit diesen Fragestellungen auseinander. Die Szenarien reichten von Cyberangriffen auf globale Impfstofflieferketten über die klimabedingte Ausbreitung von Malaria in Deutschland und eine eskalierende europäische Hitzekrise bis hin zu Führungsfragen in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte sowie einer KI-gestützten Desinformationskampagne gegen den öffentlichen Gesundheitsschutz.
In Kleingruppen entwickelten die Teilnehmenden konkrete politische Handlungsempfehlungen. Dabei kristallisierte sich eine zentrale Erkenntnis heraus: Ein Großteil unserer Infrastruktur ist für Friedenszeiten ausgelegt. Deutschland hat die Verantwortung dafür Strategien zu entwickeln, mit denen Gesundheitssysteme besser auf unvorhersehbare Krisen vorbereitet werden können – und verfügt über die Expertise.
Empfehlungen der Teilnehmenden als Graphic Recording
In einem anschließenden Interview zog Dr. Kirsten Kappert-Gonther Bilanz. Deutschlands Führungsrolle müsse sich ihrer Ansicht nach durch Verlässlichkeit und Engagement definieren – nicht durch Dominanz. Zudem plädierte sie dafür, die Herausforderungen von Mittelkürzungen und Klimakrise gemeinsam zu betrachten. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hob sie die Bedeutung psychischer Gesundheit für den Schutz demokratischer Gesellschaften hervor: Die Krise der psychischen Gesundheit destabilisiere nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Gesellschaften – eine Entwicklung, die durch geopolitische Spannungen und den Klimawandel zusätzlich verschärft werde. Zugleich sprach sie sich nachdrücklich für die Wahrung von Geschlechterrechten sowie sexueller und reproduktiver Gesundheit und entsprechender Rechte angesichts weltweiter Rückschritte aus.
Im Anschluss diskutierte ein internationales Expert*innenpanel mit Dr. Unni Karunakara, Dr. Revati Phalkey und Dr. Francisco Pérez-Cañado unter der Moderation von Paul Zubeil die erarbeiteten Empfehlungen gemeinsam mit dem Publikum.
Die zentralen Ergebnisse lauteten:
- Deutschlands Führungsrolle in der globalen Gesundheit muss über finanzielle Beiträge hinausgehen und das politische Gewicht des Landes zur Stärkung des Multilateralismus nutzen.
- Es braucht mehr Kohärenz – sowohl zwischen den Bundesministerien als auch auf europäischer Ebene.
- Echte Teilhabe in der globalen Gesundheit bedeutet Mitwirkung an Entscheidungsprozessen und nicht nur an deren Umsetzung.
- Die Vorstellung globaler Gesundheitsfinanzierung als Wohltätigkeit muss einer Sichtweise weichen, die sie als strategische Investition in resiliente Gesellschaften – im In- und Ausland – versteht.
Simulationsübung | Critical Choices – Beyond the Pathogen: Die soziale Dimension der Pandemievorsorge
Von Lübeck über San Francisco bis nach Madagaskar: Die Teilnehmenden begaben sich auf eine Zeitreise, um Pandemieprävention, -vorsorge und -reaktion aus einer häufig vernachlässigten Perspektive zu erleben – den sozialen und psychischen Dimensionen von Krankheitsausbrüchen. Die interaktive Tabletop-Simulation wurde gemeinsam von der WHO-Abteilung für psychische Gesundheit und Substanzgebrauch sowie dem Global Health Hub Germany entwickelt. Ziel war es zu verdeutlichen, dass erfolgreiche Ausbruchsbekämpfung nicht allein von biomedizinischen Instrumenten abhängt, sondern ebenso von Vertrauen, gesellschaftlicher Beteiligung, psychischem Wohlbefinden, Kommunikation und politischer Legitimität.
Während der Simulation mussten die Teilnehmenden unter Zeitdruck schwierige Entscheidungen treffen. Die Relevanz des Themas reichte jedoch weit über die Übung hinaus. Am zweiten Veranstaltungstag griff die Bundestagsabgeordnete Dr. Kirsten Kappert-Gonther das Thema in ihrer Rede auf und betonte die Bedeutung psychischer Gesundheit sowie psychosozialer Unterstützung für die Pandemievorbereitung und -bewältigung. Zugleich sprach sie sich für eine umfassende nationale Pandemie-Simulationsübung in Deutschland aus – als klares Signal dafür, dass die sozialen und psychischen Dimensionen von Krisen vor dem nächsten Gesundheitsnotstand systematisch erprobt, geübt und in bestehende Vorsorgestrukturen integriert werden müssen.
An die Simulation schloss sich eine moderierte Podiumsdiskussion mit Dr. Anna Grigoryan, Silvi Hurkmans und Natalie Pidmurniak an, die von Dr. Fahmy Hanna von der Weltgesundheitsorganisation geleitet wurde. Gemeinsam übertrugen sie die in der Simulation entstandenen Dilemmata auf reale Erfahrungen aus dem Ausbruchsmanagement, humanitären Einsätzen, der Beteiligung junger Menschen und gemeindenaher Gesundheitsvorsorge.
Community Poster Session
Die Community Poster Session rückte die Arbeit der Communities of Practice und Arbeitsgruppen des Global Health Hub Germany in den Mittelpunkt. Fünf Gruppen präsentierten ihre aktuellen Projekte, laufenden Diskussionen und Ideen für zukünftige Kooperationen und zeigten, wie Mitglieder mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen gemeinsam an globalen Gesundheitsherausforderungen arbeiten.
Global Health and Migration Community: Beyond Barriers – Inclusive Health Recommendations for Migrants, Refugees and Displaced Populations
Das Poster beleuchtete die zentralen Hürden beim Zugang zur Gesundheitsversorgung für Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete sowie Vertriebene – darunter Sprachbarrieren, mangelnde Orientierung im Gesundheitssystem, Traumata, Diskriminierung und unterbrochene Versorgungsstrukturen. Zugleich wurden Empfehlungen für einen inklusiveren Zugang zur Gesundheitsversorgung, die Integration von Fachkräften und stärker gemeindebasierte Gesundheitssysteme vorgestellt.
Poster Global Health and Migration
Global Mental Health Community: Social Media Use Among Adolescents: A Double-Edged Sword?
Das Poster untersuchte die Nutzung sozialer Medien durch Jugendliche sowohl als potenzielles Risiko als auch als Quelle von Unterstützung und sozialer Vernetzung. Verglichen wurden politische Ansätze in Deutschland und Australien. Empfohlen wurde, Jugendliche durch praktikable Regulierung besser zu informieren, zu stärken und zu schützen.
Global Women's Health Community: Feminist Perspectives on AI in Women's Health
Das Poster präsentierte einen feministischen Analyseansatz für den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Frauengesundheit. Im Mittelpunkt standen Machtstrukturen, Wissen, Gerechtigkeit und Intersektionalität sowie die Fragen, wer KI-Systeme entwickelt, steuert und von ihnen profitiert – und wessen Bedürfnisse oder Wissen möglicherweise unsichtbar bleiben.
Epidemic Preparedness and Response Community: From Climate-Sensitive Disease Prediction to Timely Outbreak Response: EWARS-csd
Vorgestellt wurde ein Frühwarn- und Reaktionssystem für klimasensitive Infektionskrankheiten. Das System zeigt, wie historische, epidemiologische, demografische und klimatische Daten genutzt werden können, um Krankheitsausbrüche vorherzusagen, Warnsignale zu erkennen und lokal angepasste Maßnahmen des öffentlichen Gesundheitswesens zu unterstützen.
Poster Epidemic Preparedness and Response
Working Group on AI in Health: Trustworthy AI in Health – Governing a Double-Edged Sword
Die Arbeitsgruppe stellte ihr Policy Brief vor und nutzte Fallbeispiele aus dem Mammographie-Screening in Deutschland sowie aus der psychischen Gesundheitsversorgung im Vereinigten Königreich, um zu verdeutlichen, warum Transparenz, Aufsicht, Rechenschaftspflicht und die Einbindung von Patientinnen und Patienten zentrale Voraussetzungen für eine vertrauenswürdige Governance von KI im Gesundheitswesen sind.
Podiumsdiskussion | KI in der globalen Gesundheit – Ein zweischneidiges Schwert
Die abschließende thematische Sitzung des Global Health Talk widmete sich den Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz für Gesundheitssysteme, die individuelle Versorgung und gesundheitliche Chancengleichheit weltweit. Das Format kombinierte ein interaktives Quiz unter der Moderation von Dr. Michael Bayerlein, die Vorstellung des Policy Briefs der Arbeitsgruppe sowie eine von Dr. Zahra Karimian moderierte Podiumsdiskussion.
Prof. Dr. Arash Rashidian, Bernd Fiedler, Dr. Jana Fehr und Rachel Firestone diskutierten, wie KI zu besseren und gerechteren Gesundheitsergebnissen beitragen kann – und unter welchen Voraussetzungen sie bestehende Ungleichheiten sogar verstärken könnte. Im Mittelpunkt standen Fragen nach dem Beitrag von KI zur universellen Gesundheitsversorgung, nach geeigneten Aufsichtsmechanismen, die über gesetzliche Vorgaben hinausgehen, sowie nach bestehenden Evidenzlücken für eine sichere und vertrauenswürdige Anwendung in der Praxis.
Die Diskussion machte deutlich: Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen ist nicht allein eine technologische Frage. Sie ist ebenso eine Frage von Governance, Verantwortung und Gerechtigkeit.
Abschluss
Den Abschluss der KI-Session bildete die offizielle Übergabe des Policy Briefs an Dr. Katja Pohlmann, Leiterin der Abteilung „Gesundheitssicherheit, Resilienz; Internationales, Europa“ im Bundesministerium für Gesundheit.
In ihren Schlussworten zog Dr. Pohlmann Bilanz über die beiden Veranstaltungstage und betonte, dass Vertrauen, Zusammenarbeit und Governance die entscheidenden Voraussetzungen seien, um miteinander verknüpfte Herausforderungen wie Pandemievorsorge, Klimawandel und antimikrobielle Resistenzen erfolgreich zu bewältigen.
Sie hob den besonderen Wert von Dialogformaten wie dem Global Health Talk hervor, die Menschen zusammenbringen, die sonst nur selten Gelegenheit zum fachübergreifenden Austausch haben. Zugleich bekräftigte Pohlmann Deutschlands Bekenntnis zum Multilateralismus. Sie bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation als zentrale Säule der globalen Gesundheitsarchitektur und unterstrich die Notwendigkeit einer engeren europäischen Zusammenarbeit.
Mit Blick auf künstliche Intelligenz widersprach Pohlmann der Auffassung, KI sei per se mit besonderen Risiken verbunden. Entscheidend sei vielmehr, wie sie innerhalb bestehender Gesundheits- und Sicherheitsstandards eingesetzt werde. Sie verwies auf das Potenzial von KI zur Verbesserung von Diagnostik, Krankheitsüberwachung und Gesundheitsversorgung und kündigte Maßnahmen zur sicheren Einführung entsprechender Anwendungen an. Dazu gehören regulatorische Testräume für KI im Gesundheitswesen sowie die Einrichtung eines nationalen KI-Sicherheitsinstituts, das fortschrittliche KI-Systeme bewerten und internationale Standards mitentwickeln soll.
Wir haben uns sehr gefreut, so viele Teilnehmende beim diesjährigen Global Health Talk begrüßen zu dürfen. Es macht uns stolz, dass der Global Health Talk von vielen als „einzigartige und wichtige Veranstaltung zum Brückenbauen zwischen verschiedenen Communities und zur gemeinsamen Ausrichtung unserer Prioritäten“ wahrgenommen wird.
Wir freuen uns schon jetzt darauf, Sie im kommenden Jahr wieder begrüßen zu dürfen.
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