Die soziale Dimension von Pandemien: Eine Simulationsübung zur Integration von MHPSS in die Bekämpfung von Krankheitsausbrüchen

21. Oktober 2026 I  Hub-Event ,  News  I von : Louisa Bauer, Global Health Hub Germany
GIZ/Thomas Ecke
© GIZ/Thomas Ecke, Moderators

Was passiert, wenn Maßnahmen zur Eindämmung eines Krankheitsausbruches unabsichtlich Angst, Isolation oder Mistrauen verstärken? “Critical Choices – Beyond the Pathogen” nimmt Teilnehmende mit auf eine Zeitreise und beleuchtet die Wichtigkeit von mentaler Gesundheit, psychosozialem Wohlbefinden und Vertrauen in Institutionen bei der Vorsorge und Bekämpfung von Krankheitsausbrüchen.

Der Ausbruch einer Infektionskrankheit ist nie nur eine biomedizinische Krise. Angst, Isolation, Stigma und Mistrauen prägen den Verlauf von Ausbrüchen und entscheiden darüber, ob Personen Hilfe aufsuchen, Gesundheitsmaßnahmen befolgen oder einander unterstützen. Dennoch werden diese menschlichen und sozialen Dimensionen in Vorsorgeplänen und bei der Ausbruchsbekämpfung allzu oft nachrangig behandelt. Was ändert sich, wenn Entscheidungstragende unmittelbar damit konfrontiert werden?

Der menschliche Faktor in Pandemievorsorge und -bekämpfung 

Auf dem diesjährigen Global Health Talk reisten Teilnehmende als Mitglieder einer internationalen Krisendelegation durch die Zeit. Ihre Reise führte sie zu Orten, die von schweren Pestausbrüchen geprägt wurden: Lübeck im 14. Jahrhundert, San Franciso und Hong Kong um die Wende zum 20. Jahrhundert sowie Madagaskar im Jahr 2017. Unter Zeitdruck mussten die Teilnehmenden weitreichende Entscheidungen treffen. Diese Entscheidungen beeinflussten mehr als nur die Eindämmung des Ausbruchs: sie hatten Auswirkungen auf das öffentliche Vertrauen, das psychische Wohlbefinden, Stigmatisierung und den sozialen Zusammenhalt.

Sind Sie daran interessiert, selbst eine solche Übung durchzuführen?

Wir laden Sie herzlich ein, diese Simulationsübung selbst in einem Bildungs- oder nicht-kommerziellen Kontext durchzuführen. Bitte melden Sie sich bei Interesse beim Global Health Hub Germany via info(at)globalhealthhub.de

Diese Simulationsübung wurde gemeinsam vom Global Health Hub Germany (GHHG) und der Abteilung für Nichtübertragbare Krankheiten und Mentale Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt.

Warum die soziale Dimension wichtig ist

Pandemien und Gesundheitsnotfälle beeinflussen nicht nur die körperliche Gesundheit der Betroffenen, sondern auch ihre mentale Gesundheit und ihr soziales Wohlbefinden. Menschen fürchten möglicherweise selbst zu erkranken oder erleben Isolation, wenn der Kontakt mit anderen Haushalten zur Eindämmung des Ausbruchs eingeschränkt wird. Zudem kann die allgemeine Unsicherheit der Situation Betroffene belasten, beispielsweise durch den Wegfall von Einkommen, Schulschließungen oder Einschnitte im Alltag. Auch die Stigmatisierung und das Mistrauen, welche Pandemien potenziell innerhalb von Gemeinschaften streuen können, können schwerwiegende Auswirkungen auf mentale Gesundheit und sozialen Zusammenhalt haben. Diese Belastung betrifft alle: infizierte Personen, Beschäftigte im Gesundheitswesen (insbesondere diejenigen, die direkt in der pandemischen Notfallbekämpfung arbeiten) und die breitere Gesellschaft, wobei manche Gruppen vulnerabler als andere sein können. Darüber hinaus können psychosoziale Angebote durch Notlagen beeinträchtigt werden, genau dann, wenn sie vermehrt gebraucht werden. Daher ist es von großer Bedeutung, dass die menschliche Dimension von mentaler Gesundheit und psychosozialem Wohlbefinden in Pandemievorsorge und -bekämpfung nicht vergessen wird [1, 2].

Was die Integration von MHPSS in der Praxis bedeutet

Die Integration von mentaler Gesundheit und psychosozialer Unterstützung (englisch: Mental Health and Psychosocial Support, MHPSS) in Pandemieprävention, -vorsorge und -bekämpfung (englisch: pandemic prevention, preparedness and response, PPPR,) bedeutet nicht nur sicherzustellen, dass wirksame Unterstützungssysteme bereits vor Eintritt einer Notlage bestehen [3]. Sie erfordert auch Reaktionsmechanismen, die zeitnahe und qualitativ hochwertige Versorgung von Betroffenen vor und nach einer Notlage erlauben [4]. Praktische Beispiele inkludieren unter anderem gemeinschaftliche Selbsthilfe, psychologische Erste Hilfe, die Aufrechterhaltung von grundlegenden Angeboten der psychischen Gesundheit sowie klare Überweisungswege für diejenigen, die weitergehende Unterstützung benötigen.

Diese Überlegungen haben den Ausgangspunkt für die Entwicklung von “Critical Choices – Beyond the Pathogen” gebildet.

Die Entwicklung der Simulationsübung

Die interaktive Simulationsübung “Critical Choices – Beyond the Pathogen: The Social Dimensions of Pandemics” wurde gemeinsam vom Global Health Hub Germany (GHHG) und der Abteilung für Nichtübertragbare Krankheiten und Mentale Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt. Die Übung thematisiert die menschliche Seite von Krankheitsausbrüchen und fokussiert sich auf die Integration von MHPSS in Entscheidungsprozesse.

Als eine diskussionsbasierte Methode simuliert eine Tabletop-Übung „eine Notfallsituation in einer informellen, stressfreien Umgebung“ [5, S. 16]. Solche Übungen sollen Diskussionen zwischen den Teilnehmenden anregen, dabei helfen Probleme zu identifizieren und zu lösen sowie die Beteiligten mit dem Thema vertraut machen. Sie ermöglichen es Krisensituationen zu simulieren, Notfallstrategien in sicheren Kontexten zu erproben und so die Notfallreaktionen zu optimieren und die Bereitschaft zur Bewältigung von Gesundheitsnotlagen zu stärken. Die Übung “Critical Choices – Beyond the Pathogen“ kombiniert eine solche traditionelle Tabletop-Simulationsübung mit interaktiven Elementen.

“Critical Choices – Beyond the Pathogen“ wurde über einen Zeitraum von sechs Monaten in einem iterativen und kollaborativen Prozess entwickelt. Das Team aus Mitgliedern des GHHG und der WHO starteten mit einer umfangreichen Hintergrundrecherche zur Geschichte der Pestausbrüche im Verlauf der Jahrhunderte. Auf Grundlage dieser historischen Belege sowie realen Geschichten und Beispielen wurden die Schauplätze gewählt, die Szenarien geschärft und die Fragen entwickelt. Es wurden verschiedene Dimension von mentaler Gesundheit und psychosozialem Wohlbefinden in pandemischen Notfällen betrachtet: Vertrauen, Kommunikation, mentales Wohlbefinden und sozialer Zusammenhalt. Um die Geschichte mit Leben zu füllen, illustrierten Grafikdesigner*innen die historischen Szenarien. In der Schlussphase traf sich das Team in Lübeck, nicht nur eines der Reiseziele in dieser Simulationsübung, sondern auch eine der deutschen Städte, die besonders stark von der Pest getroffen wurde, um vor Ort die mittelalterliche Geschichte der Hansestadt zu erkunden und der 60-minütigen Übung den letzten Feinschliff zu geben.

Im Anschluss an die Premiere der Übung auf dem Global Health Talk 2026 wurde diese weiterentwickelt und als Open-Source Ressource zur Verfügung gestellt. Im Oktober 2026 wurde diese neue Version sowohl beim Jahresevent des Global Health Hub - The Netherlands, einem Partnernetzwerkes des GHHG, als auch im Rahmen des World Health Summit 2026 in Berlin durchgeführt. Das Bilderkarussell unten zeigt einige Impressionen aus der Entwicklung sowie der Umsetzung der Übung.

San Francisco in the year 1900 ©GIZ/The Ink Link
San Francisco in the year 1900 ©GIZ/The Ink Link
Insights into the development of the simulation exercise ©GIZ/Maya Bachet, Organisational Team
Conducting the simulation exercise at the Global Health Talk 2026
Conducting the simulation exercise at the Global Health Talk 2026 ©GIZ/Thomas Ecke, Moderators

Quellen

  1. World Health Organization (n.d.). Mental health and public health emergencies. https://www.who.int/teams/mental-health-and-substance-use/Mental-health-and-public-health-emergencies

  2. World Health Organization (2025). Mental health in emergencies. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-health-in-emergencies

  3. World Health Organization (n.d.). Preparedness. https://www.who.int/teams/mental-health-and-substance-use/emergencies/preparedness

  4. World Health Organization (n.d.). Response. https://www.who.int/teams/mental-health-and-substance-use/emergencies/response

  5. World Health Organization. (2017). WHO Simulation Exercise Manual. https://iris.who.int/server/api/core/bitstreams/b7f2aa99-15c1-4e95-a0d6-c1006db0493f/content

  6. World Health Organization (n.d.). Simulation Exercises. https://www.who.int/emergencies/operations/simulation-exercises

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