Ausbruch des Bundibugyo-Ebolavirus legt Defizite bei Prioritätensetzung in der globalen Gesundheit offen

10. Juni 2026 I  News ,  Communicable diseases ,  Pandemic Preparedness  I von : Jasmin Behrends und Stephanie Johanssen, Politische Referentinnen der Berlin Advocacy Unit Berlin von Ärzte ohne Grenzen / Médecins Sans Frontières (MSF)
© Alexis Huguet/MSF

Der aktuelle Ausbruch des Bundibugyo-Virus in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) ist katastrophal für Communities, die bereits seit Jahrzehnten unter Konflikten leiden und von schwerer Gewalt gegen Zivilist*innen, massiven Vertreibungen und fehlendem Zugang zu Gesundheitsdiensten betroffen sind. 

Auf dem Titelbild zu sehen: Im Centre Hospitalier Elikya in Bunia/Ituro hat Ärzte ohne Grenzen ein Ebola-Behandlungszentrum eingerichtet. Dort können bis zu 70 Patient*innen behandelt werden. Medizinisches Personal zieht sich nach einem Einsatz die umfangreiche Schutzausrüstung aus - unter aufmerksamer Beobachtung und Einsatz von Desinfektionslösung. 

Die lokalen und regionalen Communities haben zwar die nötige Expertise, um durch Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit auf Ausbrüche des Ebola-Virus zu reagieren; das Fehlen eines Impfstoffs, effizienter und schneller Tests und zugelassener Therapeutika für dieses Virus haben jedoch dazu geführt, dass die Zahl der Erkrankten unbemerkt ansteigen konnte und kaum frühzeitige Maßnahmen getroffen werden konnten. Der Ausbruch trifft eine Gegend, die bereits durch ein geschwächtes Gesundheitssystem und Infrastruktur sowie mangelnden Zugang zu humanitärer Hilfe gezeichnet ist. Aufgrund des mangelnden Zugangs zu humanitärer Hilfe und der unzureichenden Präsenz anderer humanitärer Akteure, haben wir in der DR Kongo in den letzten Jahren eines unserer größten Programme in einem Einsatzland. Unser Jahresbudget in der DR Kongo übersteigt viele Ausgaben wohlhabender Geberländer für humanitäre Hilfe in der DR Kongo. Und auch jetzt mobilisieren und implementieren wir einen Großeinsatz als Reaktion auf den Ausbruch, bei der unsere medizinischen und logistischen Teams rund um die Uhr mit den kongolesischen Gesundheitsbehörden zusammenarbeiten. Die Krise erfordert eine sofortige und umfassende Reaktion, bei der die Bedarfe des Gesundheitspersonals und der Patient*innen im Vordergrund stehen.

Ein Ausbruch im Kontext von Konflikt und humanitärer Krise

Ungläubigkeit, Schock und eine sich aufdrängende Frage angesichts des Fehlens eines Impfstoffs, schneller Point-of-Care-Diagnosetests und spezifischer Therapeutika: Wiederholt sich das Jahr 2014, in dem eine verheerende Virusepidemie in Westafrika Tausende von Menschen tötete? Die aktuelle Ausbreitung des Bundibugyo-Virus in der DR Kongo lässt uns keine Zeit für Zögern und Untätigkeit.

Nach Angaben der WHO wurden bis zum 27. Mai insgesamt 906 Verdachtsfälle und 223 Todesfälle unter den Verdachtsfällen in der DR Kongo gemeldet. Bis zum 29. Mai wurden in der DR Kongo und Uganda insgesamt 134 bestätigte Fälle gemeldet, darunter neun in Uganda, mit 18 Todesfällen unter den bestätigten Fällen.

Der Ausbruch des Bundibugyo-Virus setzt das ohnehin schon schwache primäre und sekundäre Gesundheitssystem in der DR Kongo unter Druck. Nur wenige Wochen vor Entdeckung des Ebola-Ausbruchs hatte Ärzte ohne Grenzen vor einer Krise des Gesundheitswesens in Minova, Süd-Kivu, gewarnt und Geber aufgefordert, ihren finanziellen Rückzug aus Süd-Kivu zu überdenken und lokale Behörden und Konfliktparteien angehalten, humanitären Zugang zu gewährleisten.

Die Auswirkungen des Konflikts, darunter jahrzehntelange Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, wie z.B. sexualisierte Gewalt und massive Vertreibungen, haben dazu geführt, dass Millionen Menschen ohne sichere Unterkunft, medizinische Versorgung und Nahrungsmittel sind. Die Schließung von Grenzen und Flughäfen hat die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern verhindert, zumal das Risiko für das Ausbrechen von Epidemien wie Cholera, Masern und Unterernährung weiterhin hoch ist. Für den aktuellen Ausbruch des Bundibugyo-Virus, bei dem es auf schnelles Handeln ankommt, bedeuten diese Einschränkungen, dass sich das Eintreffen wichtiger medizinischer Hilfsgüter, humanitärer Hilfe und Fachpersonals weiter verzögert. Wir wissen aus Erfahrung, dass diese Maßnahmen die Reaktion auf einen Ausbruch stark behindern und Länder isolieren, die dringend internationale Unterstützung benötigen.

Den Ausbruch eindämmen, die medizinische Grundversorgung aufrechterhalten

MSF mobilisiert und implementiert jetzt einen groß angelegten Einsatz. Wir betreiben Ebola-Behandlungszentren in den betroffenen Gebieten in Ituri und Nord-Kivu, während in Süd-Kivu zusätzliche Behandlungskapazitäten aufgebaut werden. Darüber hinaus bieten wir Schulungen zu Triage, Isolierung, Tests und Überweisungswegen an. In der gesamten DR Kongo beschäftigen wir derzeit 2.880 kongolesische Mitarbeiter*innen, unterstützen 4.633 nationale Gesundheitshelfer*innen und 323 internationale Gesundheitskräfte und entsenden Teams in betroffene Gebiete. Um das medizinische Personal zu schützen, schickt MSF Zehntausende Kits mit persönlicher Schutzausrüstung, die essenzielles Material wie Handschuhe, Masken, Schutzbrillen, Kittel und Schutzstiefel enthalten. Außerdem richten wir in Abstimmung mit unserem kenianischen Büro ein Ebola-Schulungszentrum in Nairobi ein.

Der Ausbruch der Krankheit erfordert eine schnelle und koordinierte Reaktion. Darüber hinaus gibt es aber noch mehrere weitere Gesundheitsnotstände in der DR Kongo, zu denen unsere Teams arbeiten. In Teilen von Nord- und Süd-Kivu, einschließlich der Gebiete um Goma, erkranken weiterhin mehr Menschen an Cholera als an der Ebola-Krankheit.

Wenn uns frühere Epidemien etwas gelehrt haben, dann, dass es dringend notwendig ist, die medizinische Grundversorgung aufrecht zu erhalten, um einen Anstieg von Sterblichkeit und Krankheitslasten zu verhindern. Dazu gehören Routineimpfungen, Gesundheitsfürsorge für Mütter und Neugeborene, sexuelle und reproduktive Gesundheitsdienste, Ernährungsdienste, Behandlung von Infektionskrankheiten und Traumata. Auch die umfassende Versorgung von Überlebenden sexualisierter Gewalt muss fortgesetzt werden: Allein im Jahr 2024 wurden in der Provinz Nord-Kivu fast 40.000 Frauen von Teams von Ärzte ohne Grenzen behandelt - ein Rekordwert. Wir wissen, dass das Risiko für sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt während Krisen wie Epidemien überproportional ansteigt. Es ist daher unbedingt notwendig, Präventivmaßnahmen zu ergreifen und Straflosigkeit zu beenden.

Für Ebola-Patient*innen müssen Informationen und frühzeitige medizinische Versorgung bereitstehen. Die Akteure des Gesundheitswesens sollten Triage-Systeme und die Steuerung der Patient*innenströme in allen Gesundheitseinrichtungen stärken und gleichzeitig verhindern, dass Strukturen der Routinegesundheitsversorgung überlastet werden.

Die Krise hinter der Krise: Welche strukturellen Defizite der Ausbruch offenlegt

Die genauere Betrachtung der Ausbruchsreaktion wirft eine zentrale Frage auf: Warum gibt es keine Impfstoffe, Schnelltests oder spezifische Behandlungen für das Bundibugyo-Virus, obwohl dieses Virus seit 2007 bekannt ist und sich die wissenschaftlichen Fortschritte nach früheren Ebola-Ausbrüchen beschleunigt haben?

Diese Lücke ist bezeichnend für die Prioritätensetzung in der globalen Gesundheit, die allzu oft kommerzielle Interessen über Bedarfe der öffentlichen Gesundheit stellt. Die Forschung zu Bundibugyo-spezifischen Impfstoffen und Behandlungen befindet sich größtenteils noch im Stadium der Tierversuche, ungefähr dort, wo sich die Forschung zum Ebola-Virus (dem früheren Zaire- Ebolavirus) befand, als dieser Typus den massiven Ausbruch in Westafrika im Jahr 2014 verursachte. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Entwicklung von Produkten zur Vorbeugung und Behandlung der Erkrankung mit dem Ebola-Virus wird nicht als profitables Geschäftsmodell angesehen.

Selbst dort, wo Fortschritte erzielt wurden, bleibt der Zugang nach wie vor äußerst unzureichend. Wirksame Medikamente gegen die häufig auftretende Form des Ebola-Virus kamen erst 2019 auf den Markt, also mehrere Jahre nach dem verheerenden Ausbruch in Westafrika 2014-2016. Während ihre Zulassung einen großen wissenschaftlichen Durchbruch bedeutete, ist die Sicherstellung des Zugangs für die Menschen, die sie benötigen, ins Stocken geraten. Regierungen wie die der Vereinigten Staaten haben nationale Notvorräte angelegt, die nun fast alle verfügbaren Medikamente gegen die Ebola-Virus-Krankheit (EVD) umfassen. Infolgedessen werden diese Medikamente größtenteils als Werkzeuge für Biosicherheit behandelt, anstatt in Ländern, in denen Ebola-Erkrankungen endemisch sind, als lebensrettende Medikamente zur Verfügung zu stehen. Auch Jahre nach der Zulassung dieser Medikamente sind sie deshalb noch weit davon entfernt, ihr volles Potenzial bei der Ausbruchsbekämpfung zu entfalten. Aktuell werden neue klinische Studien geplant, um wirksame Impfstoffe und Medikamente für das Bundibugyo-Virus zu finden. Hierbei muss ein fairer Zugang für die betroffene Bevölkerung, der auch zur Entwicklung beiträgt, von Anfang an mitgedacht werden – und nicht erst im Nachhinein.   

Außerdem sind die Testkapazitäten nach wie vor unglaublich begrenzt, weshalb sich das Virus so schnell verbreiten konnte. Es befanden sich Hunderte von Tests von Verdachtsfällen im Rückstau, analysiert zu werden. Ohne Testergebnisse ist es sehr schwierig, eine adäquate Rückverfolgung von Kontakten, Fallmanagement sowie Akzeptanz und Vertrauen in Communities zu erreichen. Die Stärkung von Surveillance-Systemen und das Teilen von Diagnosekapazitäten ist daher entscheidend. Gesundheitsbehörden, Geber, internationale und regionale Plattformen und Einsatzkräfte sollten dringend den Zugang zu Bundibugyo-spezifischen Diagnosekapazitäten ausbauen und dezentralisieren.

Dr. Alan Gonzalez, stellvertretender Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen bei MSF, erklärte kürzlich: "Die Ausbruchsreaktion kann nicht erfolgreich sein, wenn sie Communities auferlegt wird, anstatt sie gemeinsam aufzubauen. Jeder Aspekt der Reaktion muss auf einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit den Communities beruhen - wir müssen uns die Sorgen der Menschen anhören, Ängste und Fehlinformationen ausräumen und Vertrauen aufbauen, damit die Menschen sich sicher fühlen, wenn sie Hilfe suchen." Diese Worte treffen heute mehr zu denn je und sollten uns erinnern: Ein kooperativer und koordinierter Ansatz, der sich nach den Bedarfen der Patient*innen und des Gesundheitspersonals richtet, ist entscheidend, um diese Pandemie zu beenden und weiteres Leid zu vermeiden.

Wir fordern die deutsche Bundesregierung auf, diesen Aufruf dringend zu beherzigen – wie sie es dankenswerterweise bereits während der Ebola-Krise 2014-2016 getan hat, wo sie, unter anderem durch medizinische Evakuierungen und logistische Unterstützung, eine entscheidende Rolle bei der Mobilisierung von Unterstützung gespielt hat. 

Wir haben Jasmin Behrends und Stephanie Johanssen von Ärzte ohne Grenzen gebeten, ihre Einschätzungen zum aktuellen Ebola-Ausbruch und notwendigen Maßnahmen mit uns zu teilen. Die von ihnen geäußerten Ansichten sind ihre eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die des Global Health Hub Germany wider.


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