Die Kunst der Politikgestaltung: Erkenntnisse aus dem Health Policy Trend Report 2026

08. April 2026 I  News ,  Politics  I von : Rebecca Ohanes, Branwen Hennig, Michael Bayerlein, Hendrik Oye (Global Health Policy Lab)
© Yagmur Demirpehlivan

Im März 2026 wurde auf der Berlin University Alliance Grand Challenges Conference der "Health Policy Trend Report 2026“ vorgestellt, der Herausforderungen, Chancen, und Lösungsansätze in der Gesundheitspolitik aufzeigt.

Sascha van Beek, Mitglied des Deutschen Bundestages und UNITE, eröffnete die Veranstaltung mit einer Keynote, gefolgt von einem sektorübergreifenden Austausch zwischen Tatjana Gust von der Bayer-Stiftung und Philip AbdelMalik vom WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence. 

Der Bericht wurde vom Global Health Policy Lab (GHPL) in Zusammenarbeit mit dem African Population Health and Research Center (APHRC) und dem UNITE Parliamentarians Network for Global Health (UNITE) erstellt. 

 

 

Eine globale Umfrage und die immer wieder auftretenden Hindernisse

Abbildung 1: Geografische Verteilung der Umfrageteilnehmenden über 49 Länder (n=109). Quelle: Nature Research Intelligence (2025), im Auftrag des Global Health Policy Lab.

Die empirische Grundlage des Health Policy Trend Report bildet eine Umfrage unter 109 politischen Entscheidungsträger*innen in 49 Ländern auf allen fünf Kontinenten, die in Zusammenarbeit mit Nature Research Intelligence durchgeführt wurde. Die Umfrageergebnisse beeindrucken weniger durch ihre Neuartigkeit als durch ihre Konsistenz. Über alle Kontexte hinweg tauchen immer wieder dieselben Hindernisse auf.

  • Kurzfristiges Denken: Neunzig Prozent der Befragten nannten den Druck durch Wahlzyklen als große Herausforderung. Politische Anreize begünstigen „Schaufensterpolitik“ gegenüber langfristiger Prävention; Regierungswechsel machen Reformen oft zunichte, bevor sie ausgereift sind.
  • Ressourcen- und Informationsknappheit: Abgesehen von knappen Budgets haben 44 Prozent der befragten politischen Entscheidungsträger*innen Schwierigkeiten, internationale Best Practices zu finden oder zu vergleichen. Relevante Erkenntnisse bleiben in institutionellen Silos verborgen oder hinter Sprachbarrieren verschlossen, was zu einer „chronischen Neuerfindung des Rades“ führt.
  • Die Kompetenzlücke: Fast drei Viertel der Befragten räumten ein, dass ihre Gesundheitskompetenz begrenzt ist. Wenn politische Entscheidungsträger*innen technische Daten nicht sicher interpretieren können, riskieren sie eine „politische Vereinnahmung“ durch externe Berater*innen, die möglicherweise nicht transparent in den Entscheidungsprozess eingebunden sind.

Zusammen genommen verursachen diese und andere Hindernisse messbare Kosten. Der Bericht nennt eine Zahl, die jedem, der an der Schnittstelle zwischen Forschung und Politik tätig ist, zu denken geben sollte: Im Durchschnitt dauert es 17 Jahre, bis wissenschaftliche Erkenntnisse in die gängige Praxis umgesetzt werden. Auf dem Global Evidence-to-Policy Summit 2023 der WHO stellten führende Vertreter*innen fest, dass letztlich nur etwa 14 Prozent der Forschungsergebnisse überhaupt in die Politik oder Praxis einfließen. 

Die Catalyze Impact Initiative des APHRC, die in Äthiopien und Nigeria umgesetzt wurde, bietet einen Gegenpol. Durch die Einbettung iterativer Feedbackschleifen direkt in den politischen Entscheidungszyklus – einschließlich der gemeinsamen Gestaltung von Forschungsagenden mit lokalen Interessengruppen, der schnellen Erprobung von Maßnahmen und der Anpassung auf der Grundlage der Ergebnisse – reduzierte die Initiative die Verzögerung zwischen Erkenntnissgewinnung und politischer Umsetzung auf vier Jahre oder weniger. In Lagos wurde ein System zur Erfassung von Stichproben eingerichtet, um aktuelle Daten zu Müttersterblichkeit außerhalb von Gesundheitseinrichtungen zu generieren. Dies lieferte Informationen, die zuvor schlichtweg nicht existierten und ohne die keine zeitnahe politische Reaktion möglich gewesen wäre. Äthiopien entwickelte durch inklusive Konsultationen mit Interessengruppen eine nationale Forschungsroadmap, die die Evidenzsynthese in eine umsetzbare nationale Strategie übertrug.

Abbildung 2: Ausmaß der Herausforderungen bei der Gesundheitspolitik, mit denen die Befragten konfrontiert sind (n=97). Quelle: Nature Research Intelligence (2025), im Auftrag des Global Health Policy Lab.

Was tatsächlich funktioniert

Der aufschlussreichste Teil des Berichts sind die Fallstudien aus sieben Ländern: Ägypten, Irland, Mexiko, Australien, dem Vereinigten Königreich, Kanada und Deutschland. Sie wurden von ehemaligen und amtierenden Parlamentarier*innen verfasst und zeigen, dass die Hindernisse in der Gesundheitspolitik zwar real, aber nicht unüberwindbar sind und dass wirksame Lösungen in der Regel bestimmte Gemeinsamkeiten aufweisen.

In Irland zwang ein Patt im Parlament vierzehn Abgeordnete aus dem gesamten politischen Spektrum dazu, gemeinsam eine parteiübergreifende Agenda für die Gesundheitsreform zu entwickeln. Unterstützt von akademischen Beratern des Trinity College Dublin und der Europäischen Beobachtungsstelle, die als  „ehrliche Makler“ fungierten, entstand so Sláintecare, ein Zehn-Jahres-Plan für eine universelle Gesundheitsversorgung, der Wahlen, Kabinettsumbildungen und eine Pandemie überstanden hat, ohne von einer der großen Parteien abgelehnt zu werden. Die Beständigkeit selbst war das politische Ergebnis. 

Ägyptens Erfolg bei der Eliminierung von Hepatitis C, das 2023 den Gold-Status der WHO erreichte, wobei die Prävalenz innerhalb von sechs Jahren von sechs Prozent auf rund 0,4 Prozent sank, veranschaulicht, was möglich wird, wenn das politische Engagement uneingeschränkt ist und die Koordination zentralisiert erfolgt. Ein gesamtstaatlicher Ansatz, staatlich finanzierte Behandlungen, von der Regierung ausgehandelte erschwingliche Arzneimittelpreise und eine digitale Plattform, über die mehr als 60 Millionen Vorsorgeuntersuchungen verwaltet werden, ergeben zusammen laut Schätzungen des Berichts wirtschaftliche Gewinne von über 7 Milliarden US-Dollar bis 2030. Der Fall zeigt auch, dass kurzfristiger politischer Druck, der Reformen normalerweise behindert, umgelenkt werden kann: Wenn ein Präsident die Ausrottung von Krankheiten zu einer nationalen Priorität erklärt, kann derselbe Druck, der strukturelle Veränderungen hemmt, diese auch beschleunigen.

Ein schrittweiser Ansatz für Veränderungen

Die Empfehlungen des Berichts sind auf drei Zeithorizonte verteilt, was an sich schon ein Argument ist: Dauerhafter Wandel ist inkrementell.

  1. Kurzfristig (0–2 Jahre): Technologie nutzen

    Die Priorität liegt auf der Verringerung der „Informationsasymmetrie“. Der Bericht plädiert für KI-gestützte Evidenzsynthese und digitale Repositorien, wie das „Digital Repository for Health Policy“ des GHPL, um überlasteten Teams zu helfen, von internationalen Kolleg*innen zu lernen und bewährte Ansätze an lokale Kontexte anzupassen.

  2. Mittelfristig (3–5 Jahre): Evidenzbasiertes Handeln zur Norm machen

    Die Nutzung von Evidenz muss zu einer verfahrenstechnischen Anforderung werden. Nach dem Vorbild der National Public Policy Guidelines von Ghana sollten alle politischen Dokumente prägnante Evidenzzusammenfassungen und Überwachungsrahmen enthalten. Dies muss mit der beruflichen Weiterbildung von Parlamentsmitarbeiter*innen in den Bereichen Gesundheitskompetenz und digitale Governance einhergehen.

  3. Langfristige Perspektive (5+ Jahre): Strukturreformen sichern und Silodenken überwinden

    Das oberste Ziel ist der Ansatz „Gesundheit in allen Politikbereichen“. Indem Gesundheitsziele in die Haushaltsprozesse der Ministerien für Finanzen, Wohnungswesen und Bildung einbezogen werden – wie im finnischen Nordkarelien-Projekt zu sehen – können Regierungen sicherstellen, dass die gesundheitlichen Fortschritte über die nächste Wahl hinaus Bestand haben.

Die Grundlage, die der Bericht schafft, ist klar. Wie es eine an der Umfrage teilnehmende Person treffend formulierte: „Man sollte sich das Beste abschauen und das, was anderswo funktioniert, hier anpassen.“ Das ist, kurz gesagt, was der Health Policy Trend Report 2026 den gesundheitspolitischen Akteur*innen empfiehlt.

Wir haben Rebecca Ohanes, Branwen Hennig, Michael Bayerlein und Hendrik Oye vom Global Health Policy Lab, eingeladen, die wichtigsten Erkenntnisse aus dem “Health Policy Trend Report 2026” zu teilen. Die geäußerten Ansichten sind ihre eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die Positionen des Global Health Hub Germany wider.

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