Vernachlässigte Tropenkrankheiten – vernachlässigte Menschen: Warum der Kampf gegen Tropenkrankheiten auch für Deutschland entscheidend ist
Über 1,6 Mrd. Menschen leiden an vernachlässigten Tropenkrankheiten. Deutschland unterstützt globale Forschung, Migration und Prävention.
Vernachlässigte Tropenkrankheiten sind kein isoliertes Gesundheitsproblem. Sie sind ein Gradmesser für Klimaresilienz, soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung. Am 30. Januar erinnert der Welttag gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (NTDs) an eine stille globale Krise. Mehr als 1,6 Milliarden Menschen leiden an Krankheiten, die vermeidbar wären und trotzdem kaum Aufmerksamkeit erhalten. Sie leben mit Schmerzen, Behinderungen und Ausgrenzung. Wer über NTDs spricht, meint letztlich vernachlässigte Menschen. Menschen, deren Lebensumstände ihnen oft den Zugang zu medizinischer Versorgung verwehren. Der Kampf gegen NTDs ist daher nicht nur eine Frage der Medizin. Er ist eine Frage der Würde, der Gerechtigkeit und der globalen Verantwortung. Er ist auch eine Frage deutscher Interessen und Verantwortung in einer vernetzten Welt.
Alte Krankheiten in einer modernen Welt
Viele NTDs begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden. In Skeletten aus Anatolien und Südosteuropa fanden Forschende genetische Spuren von Bandwürmern. In ägyptischen Mumien wurden Schistosoma-Eier entdeckt. Lepra gilt als eine der ältesten chronischen Erkrankungen überhaupt. Heute listet die WHO 22 Krankheiten als Neglected Tropical Diseases. Sie treffen vor allem Menschen in Armut und bleiben trotz gravierender gesundheitlicher Folgen im Schatten anderer globaler Prioritäten. Wer arm ist, bleibt häufig unsichtbar. Das gilt bis heute.
Neue Herausforderungen durch Klima, Krisen, Migration und Finanzierung
Die Bekämpfung von NTDs wird schwieriger. Der Klimawandel verändert die geografische Verbreitung vieler Erreger. Mücken, Fliegen und Schnecken breiten sich in neue Regionen aus. Konflikte zerstören Gesundheitssysteme. Medikamentöse Massenbehandlungen werden unterbrochen. Migration verstärkt die Herausforderungen, weil Menschen aus hochbetroffenen Regionen fliehen oder selbst durch chronische Erkrankungen in ihrer Mobilität eingeschränkt werden. Gleichzeitig gelangen Erreger in neue Gebiete. Gesundheitssysteme in Europa müssen auf Diagnostik, Prävention und Versorgung vorbereitet sein. Finanzielle Unsicherheiten gefährden zusätzliche Fortschritte. Bereits kleine Kürzungen können Programme zum Erliegen bringen. NTD-Bekämpfung bleibt Armutsbekämpfung und ist Teil der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen.
Warum das alles deutsche Interessen berührt
Deutschland hat ein eigenes Interesse an einer wirksamen Bekämpfung der NTDs.
Erstens stärkt die Forschung zu NTDs die Innovationskraft deutscher Universitäten und Unternehmen. Neue Impfstoffe, Diagnostik und Therapeutika entstehen oft in internationalen Partnerschaften. Sie fördern Exzellenz und Wertschöpfung in Deutschland.
Zweitens betrifft die Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen auch NTDs. Das gilt besonders für Schlangenbisse. In vielen Regionen gibt es kein Gegengift. Dadurch kommt es zu Fehlbehandlungen mit Antibiotika. Sie treiben Resistenzentwicklungen voran. Deutschland engagiert sich politisch und wissenschaftlich im globalen Kampf gegen Resistenzen. NTD-Bekämpfung gehört zwingend dazu.
Drittens stabilisieren starke Gesundheitssysteme auch die wirtschaftlichen Grundlagen unserer Partnerregionen. Stabile Gesundheitssysteme sichern funktionierende Märkte. Sie schaffen verlässliche Rahmenbedingungen für Export, Investitionen und Rohstoffkooperationen. Wenn NTDs Armut verstärken oder Menschen dauerhaft arbeitsunfähig machen, gefährdet das soziale Strukturen und wirtschaftliche Entwicklung. Es betrifft damit auch die Stabilität globaler Lieferketten.
Deutschlands Verantwortung
Deutschland engagiert sich bereits intensiv. 2022 war es das erste Industrieland, das die Kigali Declaration against NTDs unterzeichnete. Die Bekämpfung von NTDs steht im Koalitionsvertrag und in der Globalen Gesundheitsstrategie von 2020. Auch die G7-Erklärung von 2015 unter deutscher Präsidentschaft bekräftigte diesen Kurs. Die aktuelle Haushaltslage verursacht jedoch Sorge. Kürzungen bei globaler Gesundheit könnten zentrale Programme schwächen. NTDs bedeuten verlorene Zukunftschancen und soziale Ausgrenzung. Der Einsatz dagegen stärkt Gerechtigkeit und Teilhabe.
Innovation und Zusammenarbeit
Neue Technologien verändern die NTD-Bekämpfung. Moderne Diagnostik, Impfstoffentwicklung und KI-gestützte Datenauswertung beschleunigen Erkennung und Behandlung. Deutschland unterstützt diesen Wandel durch Forschungsförderung und durch Partnerschaften mit afrikanischen Universitäten und pharmazeutischen Einrichtungen. Der One-Health-Ansatz verbindet die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt. Viele NTDs haben tierische Wirte oder werden durch Veränderungen in Ökosystemen begünstigt. Eine nachhaltige Bekämpfung braucht Klima- und Umweltpolitik, Landwirtschaft und Wasserressourcenmanagement. NTD-Bekämpfung stärkt langfristig die Resilienz ganzer Regionen.
Erfolge, die Hoffnung geben
Die WHO verkündete 2025 die Eliminierung des Trachoms in Ägypten. Auch Länder wie Japan, Taiwan oder Südkorea zeigen, dass konsequentes Handeln wirkt. Schistosomiasis, Echinokokkose oder lymphatische Filariose galten dort lange als verbreitet. Heute sind sie überwunden. Diese Erfolge beweisen, dass NTDs besiegbar sind, wenn Politik, Forschung, Zivilgesellschaft und Industrie gemeinsam handeln. Sie brauchen jedoch verlässliche Finanzierung und politische Priorität.
Gesundheit als universelles Gut
Die WHO-Roadmap 2021–2030 setzt das Ziel, die vernachlässigten Tropenkrankheiten deutlich zurückzudrängen. NTDs zu überwinden wäre nicht nur ein medizinischer Erfolg. Es wäre ein moralisches Versprechen, dass niemand vergessen wird, nur weil er in Armut lebt.