Von Verpflichtungen zur Umsetzung: Wie Deutschland und die EU die Manila-Deklaration zu NCDs und psychischer Gesundheit unterstützen können

31. August 2026 I  News ,  NCDs ,  Mental Health  I von : Gabriela Pen Nasser, Sarbani Chakraborty, Ertila Druga
Photo health worker: by Carlos Magno on Unsplash

In Manila findet der 3. Internationale Dialog zur nachhaltigen Finanzierung von NCDs und psychischer Gesundheit statt. In diesem Gastbeitrag beleuchten die Hub-Mitglieder Gabriela Pen Nasser, Ertila Druga und Sarbani Chakraborty, wie Deutschland und die EU dazu beitragen können, die Diskussion von Verpflichtungen hin zu konkreten Lösungen zu lenken.

Der 3. Internationale Dialog über nachhaltige Finanzierung für nichtübertragbare Krankheiten (NCDs) und psychische Gesundheit – ursprünglich für den 2.–4. September 2026 geplant und nun auf Februar 2027 verschoben – findet in Manila statt. Ausgerichtet wird er von der Regierung der Philippinen gemeinsam mit der WHO und der Asiatischen Entwicklungsbank.[1] Er bietet eine wichtige Gelegenheit, die Diskussion von Verpflichtungen hin zu konkreten Lösungen zu lenken und zu definieren, wie eine nachhaltige Finanzierung von NCDs und psychischer Gesundheit im Kontext einer universellen Gesundheitsversorgung (Universal Health Coverage, UHC) aussehen muss.

Aufbauend auf den früheren Dialogen in Kopenhagen (2018) und Washington, D.C. (2024) findet dieses dritte Treffen zu einem entscheidenden Zeitpunkt statt. Es ist das erste, das von einem Land mit niedrigem oder mittlerem Einkommen (LMIC) ausgerichtet wird – und dies inmitten einer schweren globalen Finanzierungskrise im Gesundheitsbereich, die durch rückläufige externe Unterstützung und zunehmend angespannte nationale Haushalte geprägt ist. [2]

Der Dialog folgt zudem auf das vierte hochrangige UN-Treffen zu NCDs und psychischer Gesundheit (HLM4) und dessen politische Erklärung vom Dezember 2025 [3]– ein wichtiger Meilenstein, dessen Ambitionen im Bereich Prävention, einschließlich Gesundheitssteuern sowie weiterer fiskalischer und regulatorischer Maßnahmen, während der Verhandlungen jedoch deutlich abgeschwächt wurden.[4]

HLM4 setzte allerdings einen konkreten Anker: Bis 2030 sollen mindestens 60 % der Länder über Mechanismen verfügen, die den Zugang zu wesentlichen Leistungen und Produkten zur Prävention und Behandlung von NCDs und psychischen Erkrankungen abdecken.

Die Folgen einer unzureichenden Finanzierung sind bei NCDs und psychischer Gesundheit besonders gravierend, da der Bedarf weltweit rapide steigt und Gemeinschaften und Familien zunehmend belastet. Prävention ist chronisch unterfinanziert: In den OECD-Ländern flossen 2023 lediglich 3 % der Gesundheitsausgaben in die Prävention, obwohl Krankheitsprävention weitaus größere soziale und wirtschaftliche Erträge bringt als eine spätere Behandlung.[5]

In LMICs ist der Handlungsbedarf noch dringlicher, da sich dort ein Großteil der vorzeitigen Todesfälle durch NCDs konzentriert. Diese Länder benötigen die Kapazitäten, um eine integrierte Versorgung anzubieten, die Prävention, Früherkennung und Behandlung in die primäre Gesundheitsversorgung (Primary Health Care, PHC) einbettet.

Die Manila-Deklaration, die als Ergebnis des Dialogs erwartet wird, spiegelt eine zentrale Realität wider: Die globale Krise bei NCDs und psychischer Gesundheit ist nicht in erster Linie ein Wissensproblem. Die Lösungen sind zunehmend bekannt. Die Herausforderung liegt in der politischen Priorisierung, einer nachhaltigen Finanzierung und der Umsetzung in großem Maßstab.

Deutschland und die Europäische Union (EU) sind gut positioniert, um diese Agenda zu unterstützen – sie sind wichtige Entwicklungspartner, Finanzierer von Gesundheitssystemen und bedeutende Akteure auf den Pharmamärkten. Ihr Beitrag sollte über neue politische Erklärungen hinausgehen. Priorität sollte sein, bestehende Finanzierungs-, Entwicklungs-, Handels-, Regulierungs- und Gesundheitspolitiken auf ein gemeinsames Ziel auszurichten: NCDs und psychische Gesundheit zu einem integralen und nachhaltig finanzierten Bestandteil der universellen Gesundheitsversorgung zu machen.

Erstens sollten Deutschland und die EU eine nachhaltige nationale Gesundheitsfinanzierung ins Zentrum ihrer Unterstützung stellen, denn langfristige Fortschritte können nicht in erster Linie von externer Unterstützung abhängen. Gesundheitssteuern auf Tabak, Alkohol und zuckerhaltige Getränke verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit: Sie können gleichzeitig den Konsum gesundheitsschädlicher Produkte reduzieren, NCDs verhindern und nationale Einnahmen für Gesundheit und die Entwicklung des Humankapitals generieren. [6]

Die Philippinen als Gastgeber des Dialogs zeigen das Potenzial solcher Maßnahmen. Die 2012 eingeführte „Sin Tax Reform“ zweckgebundener Tabak- und Alkoholsteuern für den Gesundheitsbereich verdoppelte deren Anteil am BIP und trug dazu bei, die UHC-Abdeckung innerhalb von vier Jahren von 74 % auf 82 % zu erhöhen. [7,8]

Auch Deutschland kann zunehmend auf eigene Erfahrungen verweisen: 2028 wird eine Abgabe auf zuckerhaltige Getränke eingeführt. Der deutsche Fall zeigt jedoch auch eine wichtige Lehre: Die Abgabe entstand in erster Linie als fiskalische Reaktion auf Defizite im Gesundheitssystem und weniger als Teil einer kohärenten Präventionsstrategie. Partnerländer zu unterstützen, bedeutet ihnen dabei zu helfen, Gesundheitssteuern als Instrumente der Prävention und nicht lediglich als Einnahmequelle zu konzipieren.

Weitere Informationen: Gabrielas Artikel zur deutschen Zuckersteuer.

„Vorreiterländer wie Deutschland spielen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung regionaler und von den Ländern selbst entwickelter fiskalischer und regulatorischer Maßnahmen zur Bekämpfung von Risikofaktoren für NCDs. Gesundheitssteuern sind beispielsweise eine Win-win-Maßnahme: Sie machen den Konsum ungesunder Produkte wie Tabak, Alkohol und zuckerhaltiger Getränke weniger attraktiv und erhöhen gleichzeitig die Steuereinnahmen, mit denen Gesundheitsversorgung und Präventionsstrategien finanziert werden können.“

— Eduardo Nilson, Fiocruz, Brasilien

Externe Finanzierung bleibt dennoch für viele LMICs mit begrenztem fiskalischem Spielraum unverzichtbar. NCDs und psychische Gesundheit sind nicht nur Kostenfaktoren im Gesundheitswesen, sondern zentrale soziale und wirtschaftliche Themen, die Armut, Produktivitätsverluste und finanzielle Belastungen für Haushalte verursachen. Da steigende Kosten für den Schuldendienst die nationalen Gesundheitsausgaben zusätzlich einschränken, sollte die Mobilisierung nationaler Ressourcen die externe Finanzierung ergänzen und nicht ersetzen – und gleichzeitig den gleichberechtigten Zugang schützen.

„Deutschland sollte einen grundlegenden Wandel bei der globalen Gesundheitsfinanzierung anführen. Ziel sollte es sein, von den Ländern selbst gesteuerte Gesundheitssysteme auszubauen, die allen Menschen essenzielle Gesundheitsleistungen bieten können. Dies würde die Vernachlässigung von NCDs beenden. Ein IDA Health Window bei der Weltbank wäre eine solche Lösung.“

— Pete Baker, Center for Global Development

Zweitens kann Deutschland auf seiner langjährigen Unterstützung für die Stärkung von Gesundheitssystemen aufbauen, indem es Partnerländer bei der Entwicklung integrierter Versorgungsmodelle, der Stärkung des Gesundheitspersonals und der Verbesserung von Überweisungssystemen unterstützt. EU-Programme sollten gleichzeitig Integration statt fragmentierter, krankheitsspezifischer Ansätze fördern.

Europa bietet hierfür relevante Beispiele: Das finnische Neuvola-System integriert die Förderung psychischer Gesundheit in die reguläre Gesundheitsversorgung von Müttern und Kindern. WHO/Europa dokumentiert integrierte Ansätze in zwölf Ländern.[9]

Integration kann auf bestehenden Strukturen der Primärversorgung aufbauen, anstatt vollständig neue Angebote schaffen zu müssen. [10]

Drittens sollten Deutschland und die EU den Zugang zu erschwinglichen Arzneimitteln, Diagnostika und Gesundheitstechnologien zu einer zentralen Säule ihrer Unterstützung machen und dabei an den Fokus der Deklaration auf strategische Beschaffung und Marktgestaltung anknüpfen.

Dies bildet die Grundlage für den vom Dialog als „2026 Access Pivot“ bezeichneten Wandel: Eine Reihe wirkungsvoller Arzneimittel, darunter GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Semaglutid sowie ausgewählte Biosimilars zur Behandlung von Krebs und chronischen Erkrankungen, verliert in vielen LMICs ihren Patentschutz. Mit dem Auslaufen dieser Patente werden günstigere, qualitätsgesicherte Generika und Biosimilars verfügbar. Dadurch eröffnet sich ein begrenztes Zeitfenster, in dem Länder diese Arzneimittel in ihre UHC-Leistungskataloge aufnehmen können.

Deutschland und die EU können Länder dabei unterstützen, solche Chancen zu nutzen – durch regulatorische und Beschaffungsentscheidungen, die sinkende Preise in einen langfristig verbesserten Zugang überführen, sowie durch die Unterstützung der regionalen Initiative für den Zugang zu NCD-Medikamenten.

Innerhalb Europas zeigt die Beneluxa-Initiative [11], dass koordinierte Beschaffung auch zwischen wohlhabenderen Ländern funktioniert. Ebenso sollten die EU ihre Handelspolitiken und Rechte an geistigem Eigentum betreffende Politiken danach bewertet werden, welchen Einfluss sie auf den Zugang in LMICs haben.

Viertens sollten Deutschland und die EU ihren diplomatischen Einfluss nutzen, um die globale Gesundheitsgovernance zu stärken. Über die WHO und andere Foren sollten sie sich für messbare Umsetzungsziele, transparente Monitoring-Systeme und regelmäßige Berichterstattung einsetzen.

Das WHO-Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, das von 181 Vertragsparteien ratifiziert wurde, verbindet evidenzbasierte Maßnahmen mit standardisierter Berichterstattung und regelmäßiger Wirkungsbewertung. Artikel 5.3 schützt zudem die politische Entscheidungsfindung vor Einflussnahme durch die Industrie. Es bietet ein Modell, das der NCD- und Mental-Health-Agenda bislang weitgehend fehlt.

Rechenschaftspflicht sollte sich nicht darauf konzentrieren, ob Länder bestimmte Maßnahmen verabschiedet haben, sondern darauf, ob diese messbare Verbesserungen bewirken und glaubwürdige Governance-Mechanismen hervorbringen.

Schließlich sollte die Deklaration mit der umfassenderen Entwicklungsagenda verknüpft werden. Die europäische Unterstützung sollte einen echten sektorübergreifenden Ansatz fördern und sicherstellen, dass Menschen mit NCDs und psychischen Erkrankungen sowie ihre Familien und pflegenden Angehörigen sinnvoll einbezogen werden.

Die Manila-Deklaration sollte daher nicht als Endpunkt, sondern als Plattform für die Umsetzung verstanden werden. Der größte Beitrag Deutschlands besteht darin, in der Praxis zu zeigen, wie Umsetzung aussehen kann, indem es seine Entwicklungszusammenarbeit, Gesundheitsdiplomatie und innenpolitischen Erfahrungen an den Prinzipien der Deklaration ausrichtet – unterstützt durch das gemeinsame Gewicht der EU.

Mit größerer Kohärenz zwischen Finanzierungs-, Entwicklungs-, Handels- und Gesundheitspolitik kann Europa dazu beitragen, die Deklaration in einen praktischen Fahrplan für die Versorgung von NCDs und psychischer Gesundheit zu verwandeln – als essenziellen, zugänglichen und nachhaltig finanzierten Bestandteil der universellen Gesundheitsversorgung.


Quellen und Anmerkungen

Dieser Kommentar wurde verfasst von Sarbani Chakraborty, Senior Researcher, Department of Neurology, TUM Universitätsklinikum und Center for Global Health, School of Medicine and Health, Technische Universität München, Deutschland; Gabriela Pen Nasser, Doktorandin, Centre for Planetary Health, Universität Freiburg, Deutschland, und Vizepräsidentin des Instituto Melhores Dias, Brasilien; sowie Ertila Druga, Politikwissenschaftlerin und unabhängige Forscherin, Hamburg, Deutschland, und Community Managerin der Women’s Health Community, Global Health Hub Germany. Wir danken Franziska Laporte Uribe, Community Managerin der Mental Health Community, Global Health Hub Germany, für ihre Kommentare. Diehier geäußerten Ansichten spiegeln nicht notwendigerweise die Position des Global Health Hub Germany wider.

[1] Dritter Internationaler Dialog über nachhaltige Finanzierung für NCDs und psychische Gesundheit

[2] WHO veröffentlicht Leitlinien angesichts drastischer Kürzungen der globalen Gesundheitsfinanzierung

[3] Politische Erklärung des vierten hochrangigen Treffens der UN-Generalversammlung zur Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten sowie zur Förderung psychischer Gesundheit und des Wohlbefindens

[4] Abgeschwächte UN-Erklärung zu NCDs streicht Ziel zur Besteuerung gesundheitsschädlicher Produkte

[5] OECD (2026), The Health and Economic Benefits of Tackling Non-Communicable Diseases, OECD Health Policy Studies, OECD Publishing, Paris. https://doi.org/10.1787/e20cbbc3-en

[6] Gesundheitssteuern sind ein dreifacher Gewinn für afrikanische Länder

[7] Kaiser, Kai; Bredenkamp, Caryn; Iglesias, Roberto (2016). Sin Tax Reform in the Philippines: Transforming Public Finance, Health, and Governance for More Inclusive Development. Directions in Development – Countries and Regions. World Bank. https://doi.org/10.1596/978-1-4648-0806-7

[8] Philippine Institute for Development Studies (2021), Key findings on Sin Tax Implementation.

[9] Population Health Management in Primary Health Care: A Proactive Approach to Improve Health and Well-being

[10] Scaling up mental health services within the PHC approach: Lessons from the WHO European Region

[11] Beneluxa-Initiative

 

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