Deutschlands Zuckerabgabe: Ein willkommener Schritt in die richtige Richtung – aber ist sie Teil einer Strategie?

29. Juni 2026 I  News ,  NCDs ,  Aus der Politik  I von : Gabriela Pen Nasser, Vizepräsidentin des Instituto Melhores Dias und Doktorandin an der Universität Freiburg
© Unsplash / Paul Siewert

Deutschland erhebt nun endlich eine Abgabe auf zuckerhaltige Getränke – ein Jahrzehnt später als der Großteil Europas. Da die Abgabe jedoch eher durch eine Finanzierungslücke als durch eine Präventionsstrategie motiviert ist, stellt sich die schwierigere Frage, wie es nun weitergeht.

Die Last hinter der Debatte

Zuckerhaltige Getränke (SSBs) zählen zu den wichtigsten ernährungsbedingten Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten – sie stehen im Zusammenhang mit Adipositas, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die weltweit für die meisten vorzeitigen Todesfälle (vor dem 70. Lebensjahr) verantwortlich sind. Deutschland ist da keine Ausnahme. Zwischen 2003 und 2024 ist die Proportion von Personen, die mit Diabetes diagnostiziert wurden in Deutschland von 5,8 % auf 10,3 % gestiegen. Über Erfrischungsgetränke nehmen die Menschen in Deutschland mehr Zucker zu sich als in jedem anderen der zehn bevölkerungsreichsten westeuropäischen Länder – fast 26 Gramm pro Person und Tag, verglichen mit 16 Gramm im Vereinigten Königreich. Eine aktuelle Analyse in „Lancet Public Health“ macht deutlich: „Deutschland hat lange Zeit ‚teure Reparaturmedizin‘ der strukturellen Prävention vorgezogen“.

Vor diesem Hintergrund ist es von großer Bedeutung, dass deutschen Bundeskabinett vom April 2026 einer gestaffelten Abgabe auf zuckerhaltige Getränke grundsätzlich zustimmt – eine Maßnahme, für die sich die NCD-Community des Global Health Hub Germany seit langem einsetzt. Die Abgabe soll jährlich rund 450 Millionen Euro einbringen, die für das gesetzliche Krankenversicherungssystem (GKV) vorgesehen sind; die Umsetzung ist für 2028 geplant.

Die Nachricht ist zu begrüßen. Doch der Kontext spielt eine Rolle.

Besser spät als nie: Deutschland schließt sich einer weltweiten Gesundheitsbewegung an

Norwegen führte 2009 eine Steuer auf zuckerhaltige Erfrischungsgetränke ein. Frankreich folgte 2012. Das Vereinigte Königreich führte 2018 seine wegweisende Abgabe auf zuckerhaltige Getränke (Soft Drinks Industry Levy, SDIL) ein. Bis zum Inkrafttreten der deutschen Abgabe im Jahr 2028 werden weltweit über 130 Gerichtsbarkeiten zuckerhaltige Getränke besteuert haben – darunter etwa die Hälfte aller EU-Mitgliedstaaten. Deutschland, Europas größter Zuckerkonsument, wird zu den letzten Ländern in seiner Nachbarschaft gehören, die Maßnahmen ergreifen. 

Um diese Debatte aus einer globalen Gesundheitsperspektive zu betrachten, lohnt es sich, auf die Erfahrungen Lateinamerikas zu schauen – der Region mit dem weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an zuckerhaltigen Getränken. In Lateinamerika werden diese Maßnahmen bereits seit weit über einem Jahrzehnt umgesetzt und optimiert. 

Im Januar 2014 führte Mexiko als erstes Land Lateinamerikas eine nationale Steuer auf zuckerhaltige Getränke ein. Trotz heftigen Widerstands der Industrie zeigte die Steuer Wirkung: Der Kauf von zuckerhaltigen Getränken ging im ersten Jahr um rund 6 % zurück, wobei die stärksten Rückgänge bei Haushalten mit geringerem Einkommen zu verzeichnen waren. Eine Studie in „JAMA Pediatrics“ ergab, dass in Städten mit stärkeren Preisanstiegen der Anteil von Jugendlichen, die einem Risiko für Übergewicht oder Adipositas ausgesetzt waren, um fast 2 % sank. Die Erfahrungen Mexikos trieb die die Einführung von Steuern auf zuckerhaltige Getränke in der gesamten Region und darüber hinaus voran. 

Der Regionalbericht der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO) über Steuern auf zuckergesüßte Getränke in den Amerikas (2025) vermittelt einen umfassenderen Überblick. Im Jahr 2022 waren 67,5 % der Erwachsenen in Lateinamerika und der Karibik von Übergewicht und Adipositas betroffen, gegenüber 44,4 % im Jahr 1990. Die zentrale Erkenntnis des Berichts: Steuern wirken – doch wie sie gestaltet sind und welche Begleitmaßnahmen sie haben, entscheidet darüber, inwieweit ihr Potenzial ausgeschöpft wird. 

Brasiliens Erfahrungen sind besonders aufschlussreich. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Prävalenz von Adipositas in Brasilien nahezu verdoppelt. Dennoch senkte die Regierung im Jahr 2016 die bundesweite Steuer auf zuckergesüßte Getränke (SSBs) drastisch von 27 % auf 4 % – und stellte sich damit gegen den weltweiten Trend. Die wegweisende Steuerreform von Präsident Lula, die im Januar 2025 verabschiedet wurde, kehrt diesen Kurs um. Mit der neuen Imposto Seletivo werden zuckergesüßte Getränke ebenso wie Tabak und Alkohol besteuert, während gleichzeitig die Steuern auf gesunde und nachhaltige Lebensmittel auf null gesenkt werden – ein Modell für eine kohärente, präventionsorientierte Fiskalpolitik. Genau diese Unterscheidung – zwischen einer Steuer als rein fiskalischem Instrument und einer Steuer als Bestandteil einer umfassenden Präventionsstrategie – ist die zentrale Frage, der sich Deutschland nun stellen muss.

Eine finanzpolitische Lösung oder eine Gesundheitsstrategie?

Die deutsche Abgabe wurde nicht im Rahmen einer nationalen Präventionsagenda eingeführt, sondern als Reaktion auf eine strukturelle Finanzierungskrise: Das Defizit der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wird bis 2027 voraussichtlich 15 Milliarden Euro erreichen. Die Abgabe soll die GKV-Beiträge für Empfänger des Bürgergeldes decken – eine notwendige Maßnahme, die jedoch in erster Linie finanzpolitisch ausgerichtet ist. 

Im Vereinigten Königreich flossen die Einnahmen aus der SDIL teilweise in die Schulförderung und Programme für gesunde Ernährung. In Brasilien ist die Abgabe auf zuckerhaltige Getränke (SSB) in eine umfassende Reform der Lebensmittelpolitik eingebettet. In Deutschland wurde die Debatte eher von den Gesundheits- und Finanzministern als von Präventionsbefürwortern geführt. Wie Sandra Gallina, Generaldirektorin für Gesundheit bei der Europäischen Kommission, auf dem Wellbeing Economy Forum im April 2026 sagte: „Prävention, Prävention, Prävention. So erzielen wir wirklich Erfolg.“ 

Die für Deutschland vorgeschlagene gestaffelte Struktur soll Anreize für die Industrie zur Neuformulierung von Rezepturen schaffen – der richtige Ansatz, der im Vereinigten Königreich nach Einführung der SDIL zu einer Senkung des Zuckergehalts in Erfrischungsgetränken um 35 % geführt hat. Eine Neuformulierung erfordert jedoch Überwachung, Durchsetzung und anhaltenden politischen Willen – nichts davon kann ohne einen umfassenderen Präventionsrahmen als selbstverständlich angesehen werden. 

 

Was Deutschlands eigene Daten aussagen

Deutschlands Überwachungsdaten machen die strukturelle Präventionslücke deutlich. Eine im Mai 2026 im „Journal of Health Monitoring“ veröffentlichte Studie des Robert-Koch-Instituts bewertete sechs zentrale kontextbezogene Indikatoren für nichtübertragbare Krankheiten – darunter die Besteuerung von Lebensmitteln, Präventionsausgaben und das Armutsrisiko. Das Fazit: Alle Indikatoren deuten auf unzureichende Präventionsmaßnahmen hin. 

Der von JA PreventNCD im April 2026 veröffentlichte OECD-EU-Policy-Brief beleuchtet die wirtschaftlichen Aspekte: Würden die EU-Länder bei den wichtigsten Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten eine Leistung im obersten Quartil erreichen, gäbe es EU-weit jährlich 150.000 vorzeitige Todesfälle weniger, die Gesundheitsausgaben würden um 4,6 % sinken und das BIP um 1,4 % steigen. Speziell für Deutschland modelliert der OECD-Länderbericht 2026 erhebliche Gewinne, die sich aus der Angleichung der NCD-Risikofaktoren an die Leistung des obersten Quartils der OECD ergeben würden. Und eine Mikrosimulationsstudie der TU München aus dem Jahr 2023 ergab, dass allein die gestaffelte Abgabe bis zu 244.100 Fälle von Typ-2-Diabetes verhindern und über einen Zeitraum von 20 Jahren gesellschaftliche Kosten in Höhe von 16 Milliarden Euro einsparen könnte. 

Die Evidenzbasis für Investitionen in die Prävention ist überwältigend. Die Frage ist, ob das politische System Deutschlands bereit ist, umfassend darauf zu reagieren.

Ein Wendepunkt – wenn Deutschland ihn dazu macht

Die deutsche Zuckerabgabe ist die richtige Maßnahme. Sie wird durch fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse, von der Zivilgesellschaft und von 60 % der deutschen Bevölkerung unterstützt. Sie ist das Ergebnis jahrelanger Lobbyarbeit seitens der Fachwelt im Bereich der öffentlichen Gesundheit, darunter auch der NCD-Community des Global Health Hub Germany. 

Eine einzelne Abgabe ist jedoch keine Präventionsstrategie. Die amerikanischen Kontinente – von Mexikos wegweisender Steuer aus dem Jahr 2014 bis hin zu Brasiliens Reform von 2025 – zeigen sowohl, was möglich ist, wenn politischer Wille auf wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich der öffentlichen Gesundheit trifft, als auch, was verloren geht, wenn dies nicht der Fall ist. Angesichts von über 130 Ländern und Regionen, die Maßnahmen zur Besteuerung zuckerhaltiger Getränke ergriffen haben, lautet die Frage für Deutschland nicht, ob es diesen Schritt gehen soll. Die Frage ist vielmehr, ob dieser erste Schritt zum Fundament einer umfassenden, langfristigen Präventionsstrategie gegen nichtübertragbare Krankheiten wird. 

Die NCD-Community des Global Health Hub Germany fordert die politischen Entscheidungsträger auf, die Zuckerabgabe nicht als fiskalische Maßnahme zu betrachten, sondern als ersten Schritt einer ernsthaften nationalen Präventionsagenda – einer Agenda, die endlich Deutschlands Kaufkraft mit entsprechenden Gesundheitsergebnissen in Einklang bringt. 

 

Wir haben Gabriela Pen Nasser aus der NCD Hub Community eingeladen, ihre Einschätzungen zur geplanten Einführung der Zuckerabgabe im Jahr 2028 mit uns zu teilen. Die von ihr geäußerten Ansichten sind ihre eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die des Global Health Hub Germany wider.

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