Die Doppelte Dividende: Warum Deutschland in Forschung für globale Gesundheit investieren sollte

26. Juni 2026 I  News ,  Politics  I von : Dr. Rebecca Ingenhoff, German Alliance for Global Health Research (GLOHRA)
© GLOHRA | Helmut Kraus

Forschung für globale Gesundheit befasst sich mit Herausforderungen, die über Grenzen hinausgehen. Investitionen in diesen Bereich verbessern die Gesundheit und das Wohlbefinden weltweit und stärken gleichzeitig die wissenschaftliche Exzellenz, Innovation und internationale Zusammenarbeit.

Gesundheitsforschung in einer vernetzten Welt

Als Forschungsnetzwerk, das über 1.400 Forschende an mehr als 225 deutschen Universitäten und Forschungsinstitutionen vernetzt, hat die German Alliance for Global Health Research (GLOHRA) ein neues Positionspapier veröffentlicht. Dieses legt dar, warum die Forschung für globale Gesundheit ein Fundament für Gesundheit, Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt ist – sowohl in Deutschland als auch weltweit. Der Bericht „Die Doppelte Dividende: Warum Deutschland in Forschung für globale Gesundheit investieren sollte“ argumentiert, dass nachhaltige Investitionen in die globale Gesundheitsforschung eine „doppelte Dividende“ erbringen: Sie retten weltweit Menschenleben und stärken gleichzeitig Deutschlands Innovationskraft, wirtschaftlichen Wohlstand, Sicherheit und internationale Partnerschaften.

Die doppelte Dividende

GLOHRA argumentiert, dass öffentliche Investitionen in die weltweite Gesundheitsforschung und -entwicklung (F&E) sowohl global als auch im Inland Vorteile bringen. Diese doppelte Dividende verringert die Krankheitslast und Sterblichkeitsrate in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen (LMICs), während sie gleichzeitig die wissenschaftliche Kapazität, die Innovationsökosysteme, die Pandemievorsorge und die internationale Zusammenarbeit direkt stärkt. Darüber hinaus fördern solche Investitionen aktiv das gegenseitige Lernen, stärken internationale diplomatische Netzwerke und bringen sowohl die Wissenschaftsfreiheit als auch den globalen wissenschaftlichen Fortschritt voran. Die Forschung für globale Gesundheit fungiert als Türöffner, um Deutschland und seine Partner als innovative, glaubwürdige und sichere Länder zu positionieren.

Der Bericht demonstriert den Nutzen der globalen Gesundheitsforschung in fünf Bereichen:

  • Gesellschaft und Entwicklung: Ein aktueller Bericht von Impact Global Health belegt, dass eine gezielte biomedizinische F&E bei vernachlässigten, armutsbedingten Krankheiten zwischen 2000 und 2040 über 40 Millionen Leben retten und 2,83 Milliarden behinderungsbereinigte Lebensjahre (DALYs) weltweit verhindern wird. Jeder investierte Euro bringt weltweit einen Nutzen von 405 €,  indem nachgelagerte Krankheitskosten, Behandlungsausgaben und massive Produktivitätsverluste reduziert werden. Als führender Unterstützer der globalen Gesundheit wird Deutschlands proportionaler finanzieller Beitrag schätzungsweise fast 600.000 Leben weltweit retten, über 40 Millionen DALYs verhindern und einen direkten gesellschaftlichen Nutzen von mehr als 650 Millionen Euro generieren.
  • Wettbewerbsfähigkeit und Innovation: Öffentliche Forschungsausgaben haben erhebliche wirtschaftliche Vorteile für das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Jeder Euro, der in innovationsorientierte öffentliche Maßnahmen investiert wird, generiert nach fünf Jahren zwischen 9,6 und 15,3 Euro BIP, während allgemeine Staatsausgaben in Höhe von 1 Euro nur 1 Euro generieren. Diese staatlichen F&E-Investitionen stoßen gezielt zusätzliche private Innovationsausgaben an (Crowding-in-Effekt), wobei jeder investierte Euro in biomedizinische Grundlagenforschung im Pharmabereich innerhalb von acht Jahren durchschnittlich 7 Euro an privaten F&E-Investitionen anzieht. In Deutschland übertrifft diese langfristige Hebelwirkung den Durchschnitt der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) deutlich und zieht mehr als das 3,7-Fache an privaten Mitteln nach sich, was direkt einer Gesundheitswirtschaft zugutekommt, die nahezu acht Millionen Menschen beschäftigt.
  • Stärkung des Forschungsstandorts: Obwohl der wissenschaftliche Fokus auf Krankheiten liegt, die in LMICs stark verbreitet sind, verbleiben in Deutschland rund 54 Prozent der dafür eingesetzten Mittel im eigenen Land – etwa bei Universitäten, Forschungsinstituten und Unternehmen. Diese Förderung erhöht die internationale Sichtbarkeit deutscher Hochschulen und fördert die Verbreitung innovativer Methoden, wie etwa partizipative Forschungsansätze.
  • Internationale Zusammenarbeit und Außenpolitik (Soft Power): Langfristige wissenschaftliche Partnerschaften können Vertrauen stärken, den Dialog fördern und eine evidenzbasierte internationale Zusammenarbeit im Sinne des Multilateralismus unterstützen.
  • Sicherheitsinvestment und Resilienz: Die finanziellen Realitäten zwischen proaktiven und reaktiven Maßnahmen sind eklatant. Präventive Pandemievorsorge bietet das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Experten schätzen, dass globale öffentliche Investitionen von jährlich rund 3,9 Milliarden Euro zur Stärkung lokaler Gesundheitssysteme in LMICs und zur Förderung von F&E ausreichen würden, um zukünftige Pandemien strukturell zu verhindern. Im Gegensatz dazu werden die globalen, sozialen Verluste zukünftiger ungebremster Krisen auf prognostizierte Kosten von 600 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Weltweites, kollaboratives Lernen

Der Bericht wird durch Fallstudien ergänzt, die veranschaulichen, wie Innovationen aus globalen Gesundheitspartnerschaften angewendet wurden, um die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems in Deutschland und anderen Ländern mit hohem Einkommen zu verbessern:

  • SORMAS (Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System): Ursprünglich in Partnerschaften mit westafrikanischen Institutionen während des Ebola-Ausbruchs 2014/15 am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung entwickelt, war dieses digitale Überwachungstool während der COVID-19-Pandemie bei mehr als 80 Prozent (in 315 Ämtern) der deutschen Gesundheitsämter betriebsbereit. Dies beweist, wie Werkzeuge, die für ressourcenbegrenzte Kontexte entwickelt wurden, praxisnahe, kosteneffiziente Lösungen für die nationale Gesundheitsschutzinfrastruktur liefern.
  • mRNA-Impfstoffplattformen: Jahrzehntelange verlässliche Grundlagenforschungsförderung durch Programme des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Europäischen Union (EU) ermöglichte es inländischen Biotech-Pionieren, in Rekordzeit den Sprung von der Grundlagenforschung zur weltweiten Anwendung zu schaffen. Allein dieser einzige biomedizinische Durchbruch verhinderte im Jahr 2021 schätzungsweise fast 20 Millionen Todesfälle weltweit.
  • Synergien in der Malariaforschung: Kollaborative klinische Studien (Phase-II und -III) deutscher Universitäten (wie der Universität Tübingen) und des Forschungszentrums Lambaréné (CERMEL) in Gabun lieferten die wesentlichen Erkenntnisse, die für die WHO-Empfehlung zur Malariaimpfung im Jahr 2021 erforderlich waren. Entscheidend ist, dass die Erkenntnisse hinter diesen Malariastudien die Grundlage für einige der bedeutendsten Impfinnovationen der letzten Jahre gelegt haben, darunter die Entwicklung des Impfstoff-Adjuvans AS01 (heute genutzt für Shingrix gegen Gürtelrose und Arexvy gegen RSV) sowie die ChAdOx1-Plattform (die Basis für den Oxford/AstraZeneca COVID-19-Impfstoff), die nun weltweit zum Schutz vor neu auftretenden Infektionsgefahren weiterentwickelt werden.

Eine kohärente strategische Basis für die Zukunft

Die Sicherung dieser nachhaltigen wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und geopolitischen Erträge erfordert ein koordiniertes, ressortübergreifendes Engagement. Die Forschung für globale Gesundheit liefert Wissen, Partnerschaften und Innovationen, die zu Gesundheit, Resilienz und nachhaltiger Entwicklung beitragen. Sie schafft die wissenschaftlichen Grundlagen, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten, Infektionskrankheiten wirksam zu bekämpfen, die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels und des Biodiversitätsverlusts zu adressieren, Prävention zu verbessern und widerstandsfähige Gesundheitssysteme aufzubauen. All dies kommt nicht nur Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen (LMICs) zugute, sondern trägt unmittelbar zur Gesundheit, Innovationskraft und Resilienz in Deutschland und der EU bei.

Die deutsche Bundesregierung hat diese Prioritäten in ihrer Strategie zur globalen Gesundheit von 2020 („Forschung und Innovation für globale Gesundheit vorantreiben“), im Koalitionsvertrag von 2025 zwischen CDU/CSU und SPD sowie in der Strategie zur Internationalisierung der Hochschulen (2024) strukturell verankert. Um auf diesem Fundament aufzubauen, muss Deutschland inter- und transdisziplinäre Forschung als strategische Querschnittsaufgabe etablieren, langfristige Finanzierungshorizonte und Perspektiven für internationale Kooperationen sicherstellen. Zudem sollte Deutschland Forschung unterstützen, die die gesamte Innovationskette von der Grundlagenforschung bis zur Umsetzung abdeckt, und Förderverfahren anwenderfreundlich gestalten sowie bürokratische Hürden systematisch abbauen.

Lesen Sie das vollständige GLOHRA-Positionspapier 2026, um die Evidenz hinter den Argumenten für nachhaltige Investitionen in die Forschung für globale Gesundheit zu verstehen. Außerdem erfahren Sie wie Sie die Forschung für globale Gesundheit und entsprechende Maßnahmen in Ihrer Institution und darüber hinaus unterstützen und fördern können. Unser Kommunikationsmaterial bietet zusätzliche Ressourcen, die Ihnen helfen, aktiv zu werden.

 

 

Wir haben Dr. Rebecca Ingenhoff von GLOHRA eingeladen, die wichtigsten Erkenntnisse aus dem GLOHRA-Positionspapier “Die Doppelte Dividende – Warum Deutschland in Forschung für globale Gesundheit investieren sollte“ zu teilen. Die geäußerten Ansichten sind ihre eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die Positionen des Global Health Hub Germany wider.

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