Junge Stimmen in Genf – Fortschritte und Lücken bei der Jugendbeteiligung in der WHO

15. Juli 2026 I  News ,  WHO ,  Youth Delegates  I von : Amélie Belosevic
© Amélie Belosevic

Von der Youth Booth bis zum Plenum: Wie junge Menschen die WHA 2026 mitgestaltet haben und warum 90% der Weltjugend dabei kaum repräsentiert waren

“Muchas Gracias, Alemania, und ich sage: Herzlich Willkommen! ¡Bienvenida!” sind die ersten Worte des spanischsprachigen Vorsitzenden des Plenums nach meinem Redebeitrag. Es ist eine nette Geste - mich als deutsche Jugenddelegierte auf meiner Muttersprache willkommen zu heißen. Im Allgemeinen freuen sich die meisten über die etwa 25 Jugenddelegierten, die ich in Genf treffen durfte. Die Delegationen, die Jugenddelegierte haben, sind stolz darauf und schon in der Eröffnungsrede des Schweizer Bundesrats fanden sie Erwähnung.

Vor einigen Jahren wäre diese Art der Wertschätzung noch eine beinahe utopische Vorstellung gewesen. Es ist viel passiert und in Hoffnung, dass das die nächsten Jahre so weitergeht, möchte ich neben den großen Gewinnen für die Jugendbeteiligung auf dieser WHA auch darüber sprechen, wo noch Verbesserungsbedarf besteht. 

Ein Ort für die Jugend

Eine der sichtbarsten neuen Entwicklungen war dieses Jahr sicherlich die Youth Booth, ein Stand, an dem wir als Jugenddelegierte bei Ländern ohne Jugenddelegiertenprogramm  genau dafür werben wollten. 

Initiiert wurde das Ganze von Lara Serban, der Schweizer Jugenddelegierten. Als wir die WHO auf die Idee mit dem Stand ansprachen, waren sie direkt begeistert und stellten uns Tische und Materialien zur Verfügung, die wir sehr zentral im WHO-Hauptsitz aufstellen durften. 

Während der Woche der Weltgesundheitsversammlung sprachen wir mit mehreren Dutzend verschiedener Delegationen über Jugendbeteiligung und Jugenddelegiertenprogramme - welche Vorteile sie bringen und wie sie gestaltet sein können. 

Der Effekt, mit dem wir aber nicht gerechnet hatten, war, dass der Stand zu einer Art Homebase für viele junge Menschen auf der WHA wurde. Nicht nur wir als Jugenddelegierte, sondern auch die Delegationen verschiedener Jugendorganisationen trafen sich am Stand, aßen dort gemeinsam Mittag oder sitzen ein paar Minuten um zu arbeiten. 

Dieser zentrale Ort zum Zusammenkommen war keine Selbstverständlichkeit. Er fußt auf unserer Arbeit in diesem Mandatsjahr und vor allem auf der Arbeit der Jugendvertreter*innen vor uns. Man kann sich aber auch nur Gehör verschaffen, wenn das Gegenüber zumindest gewillt ist zuzuhören. An verschiedenen Stellen hatte ich das Gefühl, dass die WHO die Anwesenheit und Mitarbeit junger Menschen wertschätzt und diese fördert. 

Jugendbeteiligung - ein Thema der Leitungsebene?

Eine der weiteren Errungenschaften für die Jugendarbeit auf dieser WHA war das erste offizielle Side Event des WHO Jugendrats, zu dem auch Dr. Tedros kam. 

Es ist kein Geheimnis, dass dem aktuellen Director-General der WHO die Jugend wichtig ist. Wegen seiner Offenheit für das Thema wurde der Jugendrat der WHO überhaupt erst etabliert. Man hat ihn die letzten Jahre regelmäßig beim gemeinsamen Jugend-Lunch gesehen. Unter seiner Führung wurde die Unterstützung für Praktika bei der WHO verbessert, eine bekannte Hürde in einer der teuersten Städte der Welt. 

All diese positiven Entwicklungen sind natürlich nicht nur auf Tedros als Einzelperson zurückzuführen. Auch auf Arbeitsebene setzen sich in der WHO viele Personen für mehr Jugendbeteiligung ein und freuen sich, wenn junge Menschen Interesse an ihrer Arbeit zeigen - sonst wären Projekte wie die Youth Booth überhaupt nicht möglich gewesen. 

Und doch: In Zeiten finanzieller Schwierigkeiten hilft es, wenn der Chef sich sichtbar für mehr junge Perspektiven einsetzt. Wie viel das bedeutet, werden wir vielleicht ab nächstem Jahr sehen – wenn eine neue Person das höchste Amt der WHO übernimmt und sich erst zeigen muss, ob Jugendbeteiligung für sie denselben Stellenwert hat. 

Global gedacht, europäisch besetzt

Worauf die Leitungsriege der WHO deutlich weniger Einfluss hat sind Jugenddelegiertenprogramme an sich. Keine zwei sind gleich, denn im Endeffekt liegt die Ausgestaltung in der Hand des jeweiligen Gesundheitsministeriums. 

Die Zahl der Jugenddelegierten variiert von Jahr zu Jahr - unter anderem, weil nicht jedes Land ein etabliertes Programm hat, sondern oft junge Menschen, die durch eine andere Organisation sowieso vor Ort sind, relativ kurzfristig in die Delegation eingebunden werden. 2026 gab es etwa 25 Jugenddelegierte - aus 16 europäischen Ländern, Kanada, Äthiopien, Marokko, Thailand und den Philippinen. 

Die Diskrepanz könnte kaum deutlicher sein. Laut UNFPA leben von den etwa 1,8 Milliarden junger Menschen etwa 90% im globalen Süden. Repräsentiert wurden sie - zumindest im Rahmen von Jugenddelegiertenprogrammen - auf dieser WHA von 8 Personen. 

Junge Menschen auf dieser Welt kommen großteils nicht aus Europa. Jugenddelegierte schon. Das bedeutet auch, dass wir die Lebensrealitäten, Sorgen und Bedürfnisse von bis zu 90% der Jugend weltweit aktuell nicht adäquat repräsentieren und beleuchten können. 

Um es klar auszudrücken: Es braucht mehr Jugendvertreter*innen aus Afrika, Südamerika und großen Teilen Asiens. Ihre Stimmen müssen genauso gehört werden können wie meine. 

Statement, Jugendkonsultationen - und jetzt?

Das deutsche Jugenddelegiertenprogramm gehört zu den umfangreicheren: von mir wird erwartet mich mit verschiedenen Jugendorganisationen in Deutschland zum Thema globale Gesundheit auszutauschen und diese Erkenntnisse an die Öffentlichkeit zu tragen. Genau dafür durfte ich auch einen Redebeitrag für Deutschland schreiben und verlesen - damit sind wir auch wieder am Anfang dieses Beitrags angekommen.  

Dieser Redebeitrag ist ein Privileg, das bei weitem nicht alle Jugenddelegierten bekommen, und er zeichnet das deutsche Programm mit aus. Zweifelsohne habe ich einen der oft erwähnten Plätze am Tisch bekommen, zeitweise sogar den mit dem Mikrofon. 

Mit Blick in die Zukunft sollten wir uns aber auch dafür einsetzen, dass sich Jugendbeteiligung über den Platz am Tisch weiterentwickelt. Wir können Teil der Vorbereitungsarbeit unserer Delegationen sein, bei der Organisation von Side Events mitwirken und junge Perspektiven dabei nicht nur auf der großen Bühne vertreten, sondern auch auf den kleinen - denn dort bewegen sie oft sehr viel mehr. 

 

Wir haben Amélie Belosevic, aktuelle Jugenddelegierte des Bundesministeriums für Gesundheit, eingeladen, ihre Eindrücke von ihrer Teilnahme an der 79. Weltgesundheitsversammlung zu teilen. Die von ihr geäußerten Ansichten sind ihre eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die des Global Health Hub Germany wider.

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