Globale Gesundheit im Fokus: Ein Interview mit Dr. Katja Pohlmann

08. Juni 2026 I  News ,  Politics  I von : Global Health Hub Germany
© BMG/Katja Pohlmann

In dieser Interviewreihe sprechen wir mit politischen Entscheidungstragenden, wie globale Gesundheit künftig auch ohne eigenen Unterausschuss dauerhaft im deutschen Bundestag verankert werden kann und welche Rolle Deutschland in Zukunft spielen sollte. Unser Gast heute ist Dr. Katja Pohlmann, Leiterin der Abteilung „Gesundheitssicherheit, Resilienz; Internationales, Europa“ im Bundesgesundheitsministerium.

Sie waren im Bundeskanzleramt (BKAmt), im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und jetzt im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in leitenden Funktionen für multilaterale Zusammenarbeit, Entwicklung und globale Gesundheit tätig. Wie prägen Ihre früheren Erfahrungen in diesen Ministerien Ihre Perspektive und Ihren Ansatz in Bezug auf die globale Gesundheit in Ihrer neuen Rolle im BMG?

Meine Erfahrungen im Bundeskanzleramt, im BMZ und nun im BMG haben mir eine zentrale Erkenntnis vermittelt: Globale Gesundheit ist kein Nischenpolitikfeld, sondern ein strategisches Thema, das eng mit einer Vielzahl von Politikfeldern verknüpft ist: Sicherheit, wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit, Entwicklungspolitik und Außenpolitik.

Im Bundeskanzleramt lernte ich die multilaterale Zusammenarbeit und die Rolle des UN-Systems bei der Bewältigung globaler Herausforderungen sehr zu schätzen. Im BMZ habe ich durch meine Arbeit im Bereich der globalen Gesundheitspolitik und -finanzierung ein tiefes Verständnis dafür entwickelt, wie eng die Gesundheit von Menschen mit übergreifenden Entwicklungsherausforderungen und mit widerstandsfähigen und nachhaltig finanzierten Gesundheitssystemen verknüpft sind. Jetzt, im BMG, liegt mein Schwerpunkt mehr auf Gesundheitssicherheit, Vorsorge, Resilienz und der Umsetzung internationaler Entwicklungen in wirksamen Schutz für die Gesundheit unserer Bürgerinnen und Bürger in Deutschland.

All diese Erfahrungen haben mein Verständnis dafür geprägt, dass eine wirksame globale Gesundheitspolitik Kohärenz über Sektoren und Ministerien hinweg, starke multilaterale Institutionen und langfristige Partnerschaften erfordert. Sie haben auch deutlich gemacht, dass die Umsetzung eines echten "Health in All Policies"-Ansatzes von einer engen interministeriellen Zusammenarbeit und integrierten Ansätzen abhängt.

 

Sie leiten jetzt die Abteilung „Gesundheitssicherheit, Resilienz; Internationales, Europa“. Was sind Ihrer Meinung nach die dringlichsten Prioritäten für Ihre Abteilung im Bereich globale Gesundheit angesichts der aktuellen geopolitischen Lage und globalen Gesundheitslandschaft?

Wir agieren in einem hochkomplexen Umfeld, das geprägt ist von geopolitischen Spannungen, wachsendem Druck auf den Multilateralismus, klimabedingten Gesundheitsrisiken und anhaltenden Konflikten, einschließlich des Krieges in der Ukraine und andauernder Krisen wie im Iran und an anderen Orten - all dies hat direkte und indirekte Auswirkungen auf Gesundheitssysteme und den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Daher besteht ein anhaltender Bedarf an multilateraler Zusammenarbeit, um die Widerstandsfähigkeit von Gesundheitssystemen und die Pandemievorsorge zu stärken. In diesen herausfordernden Zeiten bleibt Deutschland ein konstruktiver und zuverlässiger Partner in der globalen Gesundheitspolitik, der sowohl die nationalen als auch die globalen Gesundheitsinteressen im Blick hat.

Ich sehe für meine Abteilung drei Hauptprioritäten:

Erstens: Die Stärkung von Gesundheitssicherheit und Resilienz, sowohl in Deutschland als auch in Europa und weltweit. Dazu gehören Pandemieprävention und -bereitschaft, Surveillance und Krisenreaktionsfähigkeit. Unsere Referate unterstützen beispielsweise Partner beim aktuellen Ebola-Ausbruch in Zentralafrika. Das Bundesgesundheitsministerium ist zudem ein strategischer Partner des WHO-Hubs für Pandemie- und Epidemieaufklärung in Berlin, der die Kernkompetenzen der WHO und Deutschlands in den Bereichen Dateninfrastruktur, Surveillance von Pathogenen und internationale Zusammenarbeit stärkt.

Zweitens: Die Stärkung einer wirksamen multilateralen Zusammenarbeit, denn kein Land kann transnationale Gesundheitsbedrohungen allein bewältigen. Wir setzen uns daher weiterhin mit Nachdruck für eine robuste und nachhaltige WHO, die Umsetzung der Internationalen Gesundheitsvorschriften sowie zu Bemühungen um eine effektivere und kohärentere globale Gesundheitsarchitektur ein.

Und drittens: Die Stärkung der europäischen Dimension der globalen Gesundheit. Die EU hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Akteur im Gesundheitsbereich entwickelt. Wir müssen die Koordinierung, strategische Ausrichtung und Fähigkeit Europas zu kollektivem Handeln weiter verbessern. Innerhalb der Europäischen Gesundheitsunion treiben wir zentrale Themen wie Datenaustausch im Rahmen des Europäischen Gesundheitsdatenraums, zugängliche und erschwingliche Arzneimittel oder auch Gesundheitssicherheit voran. Die „EU Global Health Resilience Initiative“ wird ein weiteres Instrument sein, um die europäischen Werte strategisch voranzubringen sowie um Kohärenz und Koordination zwischen den europäischen Verbündeten sicherzustellen. 

 

Krankheiten und Gesundheitsbedrohungen machen nicht an den Grenzen halt. Wie bezieht Ihre Abteilung die Entwicklungen im Bereich der globalen Gesundheit und die multilateralen Initiativen, insbesondere zur Pandemieprävention, -vorsorge und -reaktion (PPPR), in Maßnahmen ein, die die Sicherheit und Resilienz des deutschen Gesundheitswesens stärken?

Der jüngste Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo und in Uganda verdeutlicht einmal mehr, wie wichtig schnelle Diagnosen und Erkennung, internationale Koordination sowie widerstandsfähige, auf Pandemien vorbereitete Gesundheitssysteme sind.

Unsere Abteilung arbeitet daran, globale Entwicklungen im Gesundheitsbereich und die multilateralen Prozesse zur Pandemieprävention, -vorsorge und -reaktion (PPPR) systematisch in die nationale Resilienzarchitektur Deutschlands zu integrieren. Dazu gehört die Stärkung von Frühwarnsystemen, Surveillance, Laborkapazitäten, grenzüberschreitendem Informationsaustausch und Plänen für die Pandemiebereitschaft.

Deutschland trägt auch international zur Stärkung der Kapazitäten der Pandemiebereitschaft und der globalen Gesundheitssicherheit bei. So unterstützt Deutschland im Rahmen des BMG-Programms für globale Gesundheitssicherheit die Partnerländer bei der Stärkung widerstandsfähiger Gesundheitssysteme und bei der Erhöhung der Kapazitäten für die Pandemievorsorge und bringt gleichzeitig hochspezialisiertes deutsches Fachwissen im Bereich der öffentlichen Gesundheit ein, wie zum Beispiel die des Robert Koch-Instituts. Auch der WHO-Hub für Pandemie- und Epidemieaufklärung in Berlin - ein strategischer Partner des Bundesministeriums für Gesundheit - trägt dazu bei, die datengestützte Früherkennung und Prävention von Gesundheitsbedrohungen zu verbessern, was sowohl der nationalen als auch der globalen Pandemiebereitschaft zugutekommt.

Auf multilateraler Ebene beteiligt sich Deutschland weiterhin aktiv an laufenden PPPR-Prozessen, einschließlich der schwierigen, aber wichtigen Verhandlungen über das Pathogen Access and Benefit Sharing (PABS) System im Rahmen des Pandemieabkommens. Gemeinsame Standards, Transparenz, gemeinsamer Datenaustausch und verlässliche Kooperationsmechanismen sind für die Stärkung der weltweiten Pandemiebereitschaft unerlässlich.

 

Angesichts der geopolitischen Spannungen und der Veränderungen in der globalen Gesundheitslandschaft wird der Ruf nach einer stärkeren europäischen Führungsrolle im Bereich der globalen Gesundheit lauter. Wie kann Deutschland zur Gestaltung eines kohärenteren und einflussreicheren EU-Ansatzes beitragen?

In Zeiten geopolitischer Ungewissheit und vielfältiger globaler Gesundheitsherausforderungen besteht ein klarer Bedarf für einen kohärenteren europäischen Ansatz für die globale Gesundheit.

Die Europäische Union verfügt in diesem Bereich über bedeutende Stärken: von robusten Gesundheitssystemen über umfangreiche Innovations- und Forschungskapazitäten bis hin zu langjähriger Erfahrung in der internationalen Zusammenarbeit. Damit verfügt Europa über eine solide Grundlage, um auf globaler Ebene eine führende Rolle zu spielen.

Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, bedarf es jedoch eines gemeinsamen Verständnisses der Prioritäten und des Mehrwerts der EU sowie eines anhaltenden politischen Engagements und einer angemessenen Finanzierung. Die von der EU-Kommission ins Leben gerufene „EU Global Health Resilience Initative“ kann als solcher Mechanismus dienen: als strategische Plattform zur Stärkung des Zusammenhalts und der Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten in Bezug auf Finanzierungsmechanismen, strategische Prioritäten und Kapazitäten für Gesundheitsnotfälle. Deutschland ist ein zentraler Verfechter des Multilateralismus und strategischer Vermittler in der EU. Wir können einen Beitrag leisten, indem wir den komparativen Vorteil Europas stärken, zur engeren Koordinierung in allen relevanten Politikbereichen beitragen und eine einheitlichere europäische Stimme in globalen Gesundheitsdiskussionen kanalisieren, auch in multilateralen Foren wie der WHO.

Insgesamt kann Deutschland eine wichtige Brückenfunktion innerhalb der EU einnehmen und dazu beitragen, dass aus gemeinsamen Ambitionen ein einheitliches europäisches Handeln im Bereich der globalen Gesundheit wird.

 

Die 79. Weltgesundheitsversammlung ist gerade zu Ende gegangen. Wenn Sie die Ergebnisse betrachten, was erscheint Ihnen besonders bedeutend und warum?

Die diesjährige WHA war von besonderer strategischer Bedeutung und geopolitischer Herausforderung. In Zeiten, in denen einige Länder ihr Engagement für die WHO in Frage stellen, wollte Deutschland ein starkes Signal aussenden, dass wir weiterhin konstruktive und engagierte Partner der WHO, des Multilateralismus und der Erarbeitung gemeinsamer Lösungen für die vielen Herausforderungen der globalen Gesundheit sind. Um zu einer gut funktionierenden und angemessen finanzierten Weltgesundheitsorganisation beizutragen, kündigte Ministerin Warken für 2026 zusätzliche 25 Millionen Euro für die WHO an, wovon 1 Million Euro für eine unserer wichtigsten strategischen Prioritäten bestimmt ist - den globalen Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen (AMR).

Während der diesjährigen Versammlung verabschiedeten die Mitgliedstaaten mehr als 20 Beschlüsse und 13 Resolutionen zu verschiedenen Gesundheitsthemen, darunter Schlaganfälle, Lebererkrankungen, AMR, Notfallversorgung sowie die ethische und nachhaltige Rekrutierung von Gesundheitspersonal - eine von Deutschland in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern eingebrachte Resolution! Die Versammlung befasste sich auch mit einer Reihe von politischen und administrativen Themen.

Wir unterstützen insbesondere die Annahme eines gemeinsamen Prozesses zur Reform der globalen Gesundheitsarchitektur durch die Versammlung. Für Deutschland ist es wichtig, dass diese Reform die Fähigkeit aller Akteure - einschließlich der WHO als zentraler Säule - stärkt, sich auf ihre Kernaufgaben zu fokussieren und sich auf die Bereiche zu konzentrieren, in denen jeder Akteur den größten Mehrwert für die Architektur bietet.

Ein weiterer besonders wichtiger Aspekt war das anhaltende Engagement für die Stärkung der globalen Architektur für Pandemieprävention, -vorsorge und -reaktion. Selbst in einem schwierigen geopolitischen Umfeld ist man sich weitgehend einig, dass die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Gesundheitssicherheit unerlässlich ist.

 

Globale Gesundheit ist von Natur aus sektorübergreifend. Der Global Health Hub Germany besteht nun seit sieben Jahren und verbindet mehr als 2.000 Mitglieder aus verschiedenen Sektoren. Welche Rolle sehen Sie für den Hub in der sich wandelnden geopolitischen und globalen Gesundheitslandschaft, und welche Rolle kann der Hub bei der Unterstützung der Arbeit Ihrer Abteilung spielen?

Eines der einzigartigen Merkmale des Hubs ist seine Fähigkeit, Akteure aus verschiedenen Sektoren, Disziplinen und Interessengruppen zusammenzubringen, um den Dialog zu fördern. In meiner früheren Funktion vertrat ich das BMZ im Lenkungskreis des Hubs und konnte diesen kollaborativen Ansatz aus erster Hand miterleben.

Wichtig ist, dass die Ergebnisse dieses Austauschs wichtige Impulse für das BMG und den politischen Raum im breiteren Sinne liefern, zum Beispiel durch Austauschformate, Policy Briefs und die Konsolidierung nichtstaatlicher Perspektiven zu wichtigen internationalen Prozessen wie UN-High-Level-Meetings.

Für unsere Abteilung ist dies besonders wertvoll, da die globale Gesundheitspolitik zunehmend frühzeitige Gespräche mit einem breiten Spektrum von Interessengruppen, einen schnellen Zugang zu sektorübergreifendem Fachwissen und eine strukturierte Möglichkeit zur Einbeziehung nichtstaatlicher Perspektiven erfordert. Der Hub unterstützt genau diese Schnittstellenfunktion zwischen Politik, Praxis und Gesellschaft.

Gerade in den aktuellen herausfordernden Zeiten schätzen wir den Beitrag des Hubs zum Aufbau strategischer Netzwerke, zur Stärkung der Kohärenz im globalen Gesundheitsengagement und dazu, die globale Gesundheit auf der politischen Agenda Deutschlands zu halten, sehr.

 

Zum Schluss noch eine persönlichere Frage: Was motiviert Sie weiterhin zu Ihrem persönlichen Engagement für die globale Gesundheit und welchen Rat würden Sie jemandem geben, der in diesen schwierigen Zeiten neu in das Feld einsteigt?

Mich motiviert nach wie vor die Erkenntnis, dass Gesundheit Menschen über Grenzen, Sektoren und Gesellschaften hinweg miteinander verbindet - eine Realität, die seit der COVID-19-Pandemie noch deutlicher geworden ist. Kaum ein Politikbereich verdeutlicht so anschaulich, wie sehr unsere Welt mittlerweile miteinander verflochten ist und wie eng nationale und globale Gesundheit miteinander verbunden sind.

Das ist auch der Grund, warum internationale Zusammenarbeit im Bereich der globalen Gesundheit so spürbare Vorteile für das Leben der Menschen in Deutschland und im Ausland bringen kann. Meine früheren Erfahrungen in der multilateralen Zusammenarbeit haben mich in dieser Überzeugung bestärkt. Sie haben gezeigt, wie viel effektiver Maßnahmen sind, wenn Länder und Institutionen koordiniert und nachhaltig zusammenarbeiten. Dies ist heute besonders wichtig, da das Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen und evidenzbasierte Medizin sowohl im Inland als auch international zunehmend unter Druck steht. Die Herausforderung, das Vertrauen in die Wissenschaft wiederherzustellen und evidenzbasierte Institutionen wie die WHO zu stärken, motiviert mich. Ich hoffe, einen Beitrag zur Stärkung einer effektiven internationalen Zusammenarbeit leisten zu können, damit die deutschen Bürgerinnen und Bürger sowie unsere Nachbarn in Europa und auf der ganzen Welt von einer zuverlässigen Gesundheitsversorgung, wirksamen Behandlungen und langfristig guter Gesundheit profitieren können.

Diejenigen, die in dieses Feld einsteigen, möchte ich zu Offenheit, Interdisziplinarität und Ausdauer ermutigen. Globale Gesundheit erfordert heute ein interdisziplinäres Engagement - von Medizin und Public Health bis hin zu Geopolitik, Klima und Wirtschaft.

Global Health Hub Germany Logo