Erfahrungsbericht der deutschen Jugenddelegierten zur 79. World Health Assembly (WHA)
Im Folgenden teilt Amélie Belosevic, Jugenddelegierte zur 79. Weltgesundheits-versammlung, ihre Erfahrungen als Jugenddelegierte.
Der arbeitsintensivste Teil meiner Zeit als Jugenddelegierte und sicherlich auch der, für den die meisten Personen sich interessieren, war die 79. Weltgesundheitsversammlung (WHA) in Genf. Daneben gehörten aber auch Jugendkonsultationen, der World Health Summit, das WHO Regional Committee und die Vorbereitung im BMG und bei der GIZ zu meinem Mandat. Auf diese verschiedenen Aspekte und welche Weiterentwicklungsmöglichkeiten ich für das Programm sehe, möchte ich in diesem Erfahrungsbericht eingehen. Mehr Informationen zu den inhaltlichen Empfehlungen für globale und nationale Gesundheitspolitik, die ich aus den Jugendkonsultationen und meinen eigenen Erfahrungen ableite, sind im begleitend verfassten Policy Brief zu finden.
Teilnahme an der 79. Weltgesundheitsversammlung
Die Weltgesundheitsversammlung fand offiziell vom 18. bis 23.5. statt, die Eröffnung und erste Agendapunkte wurden jedoch schon am 17.5. besprochen. Von Montag, 18.5., bis Freitag, 22.5., war ich vor Ort in Genf. An- und Abreise sowie drei Hotelnächte wurden von der GIZ übernommen; eine vierte Nacht habe ich freiwillig selbst finanziert, um mehr von der Veranstaltung mitnehmen zu können.
Mein Statement habe ich zum Tagesordnungspunkt „Mental Health" gehalten. Die Details finden sich im begleitend verfassten Policy Brief. Ursprünglich war das Statement für den TOP „Well-being and health promotion" vorgesehen. Da auf der WHA die Tagesordnung mehrfach verändert wurde und dieser TOP auf Freitagnachmittag, nach meiner Abreise, verschoben wurde, wurde das Statement kurzfristig überarbeitet und einem thematisch passenden anderen TOP zugeordnet. Außerdem konnte ich an weiteren Formaten teilnehmen, etwa an einem von Deutschland mitorganisierten Side Event sowie an einem Treffen unseres Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Kippels mit Vertreter*innen der Zivilgesellschaft.
Insgesamt spannend waren für mich die verschiedenen Einblicke in die WHA sowohl im Plenum als auch außerhalb, wo für die Teilnehmenden außerhalb der Delegationen der Mitgliedsstaaten eine Art parallele WHA stattfindet.
In der Jugendarbeit habe ich gemeinsam mit der schweizerischen Jugenddelegierten ein Konzept für einen Jugenddelegierten-Tisch entwickelt. Ziel war es, Delegationen anderer Mitgliedstaaten, insbesondere außerhalb Europas, wo Jugenddelegiertenprogramme bislang wenig verbreitet sind, zur Etablierung eigener Programme zu ermutigen. Gemeinsam mit anderen Jugenddelegierten haben wir uns die Betreuung des Standes geteilt, der uns freundlicherweise von der WHO gestellt wurde, und kamen dadurch mit Dutzenden Delegationen ins Gespräch. Der Stand diente zugleich als „Home Base" für alle jungen Menschen auf der WHA. Mindestens deshalb hoffe ich, dass es nächstes Jahr ein ähnliches Projekt geben wird.
Jugendkonsultationen
Ein zentrales Thema zu Beginn meines Mandats war für mich die Definition von „Jugend": Welche Verbände und Gruppen sind tatsächlich Jugendgruppen, welche eher Netzwerke für Early Career Professionals? Ich habe mich für eine Definition entschieden, die sich an der Obergrenze der Altersgruppe orientiert, für die das Programm ausgeschrieben ist, sowie Jugendliche unter 18 einschließt. Zusätzlich habe ich die Konsultationslisten früherer Jugenddelegierter auf Dopplungen überprüft (z. B. verschiedene Arbeitsgruppen der bvmd).
Für Studierende und Auszubildende habe ich ein Konzept mit einführendem Input zur WHO und globaler Gesundheitspolitik entwickelt, gefolgt von einer gemeinsamen Definitionsfindung zu „globaler Gesundheit" und der Erarbeitung von Prioritäten in ausgewählten Themenfeldern (Universal Health Coverage/Gesundheitssysteme, One Health/Umwelt, Klima & Gesundheit, NCDs inkl. mentaler Gesundheit, KI & Forschung, Gesundheitssicherheit, Gesundheitsgerechtigkeit). Die Gruppen konnten dabei selbst wählen, mit welchen Themen sie sich vertieft beschäftigen wollten – ein Format, das man in Teilen mit der Zukunftswerkstatt des Global Health Hubs vergleichen kann.
Als erste Jugenddelegierte habe ich außerdem die Konsultationen auch auf Schüler*innen ausgeweitet: Pilotiert wurde dieses Format in einer 8. Klasse am Hannah-Arendt-Gymnasium in Berlin-Neukölln. Nach einer allgemeinen Einführung in die WHO, Multilateralismus und die Arbeit der WHO für junge Menschen haben die Schüler*innen in Kleingruppen die Themen Klimakrise, mentale Gesundheit und Gerechtigkeit diskutiert. Ich empfehle künftigen Jugenddelegierten ausdrücklich, diesen Ansatz weiterzuverfolgen – schon aus Legitimationsgründen gegenüber der deutschen Jugend, aber auch weil Minderjährige im WHA-Plenum naturgemäß kaum repräsentiert sind.
World Health Summit & WHO Regional Committee
Erstmals wurde der*dem Jugenddelegierten die Teilnahme am World Health Summit ermöglicht. Diese Veranstaltung kannte ich bereits aus früheren Ehrenämtern, halte sie aber auch für künftige Jugenddelegierte für einen guten Einstieg – sowohl zum Kennenlernen des Teams als auch für generelle Einblicke in globale Gesundheitspolitik und relevante Stakeholder.
Über ein anderes Ehrenamt war ich zudem im Oktober 2025 bei der Sitzung des WHO Regional Committee in Kopenhagen. Auch ohne Teil der deutschen Delegation zu sein, war es enorm hilfreich, dort bereits Personen aus dem Referat kennenzulernen und die Plenumsabläufe der WHO in einem kleineren, etwas weniger fordernden Rahmen zu verstehen. In manchen Delegationen ist es üblich, die*den Jugenddelegierte*n fest in die RC-Delegation einzubinden. Das hat auch dazu geführt, dass ich zu Beginn meines Mandats schon andere Jugenddelegierte kennenlernte und wir beginnen konnten gemeinsame Projekte zu planen.
Inhaltliche Vorbereitung
Die Hospitation in Berlin, die Teil des Programms ist, musste dieses Jahr aufgrund eines internen Umzugs im BMG verkürzt werden: ein Tag im BMG, ein Tag bei der GIZ. Im BMG lag der Fokus auf der Ausarbeitung des Statements sowie Einblicken in den Arbeitsalltag. Bei der GIZ erhielt ich Einblicke in die Arbeitsbereiche der meisten Teammitglieder sowie einen Workshop zur Einbindung von Jugend in den Global Health Hub Germany. Eine kurzfristig erwogene Teilnahme an einer Sitzung des Gesundheitsausschusses war leider nicht möglich.
Mein Eindruck ist, dass die Ausgestaltung der Hospitation von Jahr zu Jahr, unter anderem bedingt durch wechselnde Kontaktpersonen im BMG, recht unterschiedlich ausfällt. Eine gute Übergabe auf Jugenddelegierten-Ebene kann diese Diskrepanz zwar nicht vollständig auflösen, ich möchte meiner Nachfolge aber dennoch mitgeben, welche Veranstaltungen und Möglichkeiten es in der Vergangenheit gab und was man frühzeitig anfragen kann. Die Hospitation findet üblicherweise während der Hochphase der WHA-Vorbereitungen statt - durch etwas mehr Initiative des*der Jugenddelegierten hoffe ich, auch die BMG-Kontaktperson in der Vorbereitung der Hospitation etwas entlasten zu können.
Organisatorisches
Die Bewerbung erfolgte mit Lebenslauf, Motivationsschreiben und einem Aufsatz in englischer Sprache, gefolgt von einem Vorstellungsgespräch. Der Prozess wirkte auf mich standardisiert und fair. Während des Mandats gab es monatliche Check-in-Calls mit der Kontaktperson des Referats 624 im BMG und den Kontaktpersonen bei der GIZ. Hotel und Reisen für WHS, Hospitation und WHA wurden durch die GIZ unter Beachtung meiner Verfügbarkeiten organisiert.
Weiterentwicklung des Programms
Das Programm hat aus meiner Sicht drei große Stärken: die institutionalisierte Anbindung an BMG und GIZ, die klare Erwartungshaltung gegenüber Jugenddelegierten, Jugend eigenverantwortlich einzubinden, sowie das Recht auf ein eigenes Statement auf der WHA.
Drei weitere Punkte würde ich hier gerne als Möglichkeiten zur Weiterentwicklung des Programms zur Diskussion stellen.
Zunächst würde ich mich freuen, wenn eine reguläre Teilnahme am WHO Regional Committee im Rahmen des Jugenddelegiertenprogramms in Betracht gezogen würde. Bislang ist das noch nicht vorgesehen – ich war nur über ein anderes Ehrenamt bei der RC-Sitzung in Kopenhagen dabei. Dabei war es enorm hilfreich, die Plenumsabläufe der WHO schon einmal in einem etwas kleineren, weniger fordernden Rahmen kennenzulernen und viele der anderen Jugenddelegierten so früh im Mandat zu treffen. Auch falls eine Teilnahme in den kommenden Jahren noch nicht möglich sein sollte, würde ich zukünftigen Jugenddelegierten empfehlen zu recherchieren, ob es andere Möglichkeiten der Teilnahme gibt, bspw. über Jugend-/Nachwuchsorganisationen.
Eine stärkere Einbindung in die Delegationsarbeit, etwa über ein Praktikum, könnte die inhaltliche Beteiligung deutlich vertiefen und gleichzeitig das Referat entlasten – das würde allerdings eine höhere zeitliche Verfügbarkeit der*des Jugenddelegierten voraussetzen, was nicht für jede Person gleichermaßen umsetzbar wäre. Dementsprechend sind mir die Nachteile dieser Idee durchaus bewusst, ich würde mich aber trotzdem freuen, wenn man das in der weiteren Ausrichtung des Programms diskutieren würde.
Außerdem würde ich dafür plädieren bei den Jugendkonsultationen zu überlegen, welche Zielsetzung man konkret verfolgt. Die teilnehmenden Gruppen unterscheiden sich stark darin, wie intensiv sie sich in ihrer alltäglichen Arbeit mit globaler Gesundheit auseinandersetzen und folglich wie leicht ihnen die Ausarbeitung konkreter internationaler statt primär nationaler Prioritäten fallen. Ein möglicher Ansatz wäre ein vorgeschalteter Einführungsworkshop zu WHO und globaler Gesundheitspolitik, während die eigentlichen, in den Policy Brief einfließenden Konsultationen eher als Vortragsreihe mit Fachinput und anschließender gemeinsamer Empfehlungsfindung gestaltet werden könnten. Eine andere Möglichkeit wäre die explizite Ausschreibung des Programms mit jährlich wechselnden Fokusthemen.
Danksagungen
Bevor ich mich den Danksagungen widme, möchte ich die Arbeit von Lisa Biskup wertschätzen, die mich die ersten 6 Monate des Mandats begleitet hat und leider kurz nach Ende ihres Praktikums bei der GIZ verstorben ist. Es fällt mir noch immer schwer, das zu begreifen – ihrer Familie und ihren Freund*innen gilt mein aufrichtiges Beileid.
Ein herzliches Dankeschön gilt Kathrin Rief, meiner Kontaktperson im Bundesministerium für Gesundheit, sowie Katharina Behr, Leonie Kienzle und Nadja Moser, die das Jugenddelegiertenprogramm von GIZ-Seite betreut haben. Auch dem gesamten Team des Global Health Hub Germany sowie dem Referat 624 und der restlichen deutschen Delegation auf der WHA möchte ich für die freundliche Begleitung und enge Einbindung danken - insbesondere gilt das Björn Kümmel und Valentina Voican, auch für das WHO RC, sowie Jasper Schmidt und Marianne Therre-Mano.
Von Seiten der WHO danke ich besonders Dorine van der Wal und Iris Blom für ihre Unterstützung der Youth Booth und nicht zuletzt allen Jugenddelegierten, mit denen ich auf der WHA zusammenarbeiten durfte.
Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeiten, die mir dieses Programm geboten hat, und für die Gelegenheit, mich für die Anliegen junger Menschen auf internationaler Ebene einzusetzen. Ich hoffe, dass ich diesen gerecht werden konnte und dass die hier festgehaltenen Erfahrungen und Empfehlungen dazu beitragen, das Programm für kommende Jugenddelegierte noch wirkungsvoller zu gestalten.
Erfahrungen früherer Jugenddelegierter
Erfahrungsbericht von Amélie Belosevic (PDF Version)
Erfahrungsbericht von Ahmet Bekisoglu aus dem Jahr 2025
Erfahrungsbericht von Eva-Lotte Seibold aus dem Jahr 2024
Erfahrungsbericht von Miriam El-Mahdi aus dem Jahr 2023
Erfahrungsbericht von Anile Tmava aus dem Jahr 2022
Erfahrungsbericht von Theresa Krüger aus dem Jahr 2021
Wir haben Amélie Belosevic (Deutsche Jugenddelegierte zur 79. Weltgesundheitsversammlung) eingeladen, ihre persönlichen Reflektionen zu ihrem Mandat als Jugenddelegierte mit uns zu teilen. Die geäußerten Ansichten sind ihre eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die Position des Global Health Hub Germany wider.
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