Kernaussagen aus unserem jüngsten Impulsdialog über Gesundheitssicherheit

21. Oktober 2026 I  Hub-Event ,  News from the Hub ,  Publikationen  I von : Clemens Gros, Global Health Hub Germany
Von links: Aggrey Aluso, Corinna Heineke, Prof. Dr. Johanna Hanefeld, Dr. Emil Ifthekar beim der Vorstellung des Catalyst Dialogues am Parlamentarischen Abend. ©GHHG/Thomas Ecke
© Von links: Aggrey Aluso, Corinna Heineke, Prof. Dr. Johanna Hanefeld, Dr. Emil Ifthekar beim der Vorstellung des Catalyst Dialogues am Parlamentarischen Abend. ©GHHG/Thomas Ecke

Deutschland muss Gesundheit und Sicherheit in Politik und Praxis miteinander verknüpfen. Zu diesem Schluss kommt unser neuer Catalyst Dialogue. 

Gesundheitssicherheit ist eine politische Entscheidung. Zu diesem Schluss kommt das neue Impulspapier des GHHG zu Gesundheitssicherheit, das auf einem  Parlamentarischen Abend veröffentlicht und diskutiert wurde. An der Veröffentlichung nahmen Mitglieder des Deutschen Bundestages, Vertreter*innen von Ministerien sowie Expert*innen für Gesundheitssicherheit verschiedener Stakeholdergruppen teil. Zwei Teilnehmende des Impulsdialogs, Aggrey Aluso vom Resilience Action Network Africa (RANA) und Prof. Dr. Johanna Hanefeld vom Robert-Koch-Institut (RKI), steuerten Reflexionen aus der Debatte über Gesundheitssicherheit bei. Dr. Emil Iftekhar, Co-Manager der GHHG-Community für Pandemieprävention und Biosicherheit, brachte zusätzliche Perspektiven ein, indem er Erkenntnisse aus dem neuesten Community-Papier zu den Prioritäten für das UN-High-Level-Meeting 2026 zu Pandemic Prevention, Preparedness and Response teilte. Der Abend schloss mit einem breiten Konsens darüber, dass sich Deutschland weder zwischen Gesundheit und Sicherheit noch zwischen nationaler Resilienz und globaler Gesundheit entscheiden muss. Die zentrale Aussage des Parlamentarischen Abends und des Impulspapiers lautet, dass sich diese Agenden gegenseitig verstärken können und müssen, ohne dass eine von ihnen die andere dominiert.

Impulspapier zu Gesundheitssicherheit 

Factsheet Impulspapier zu Gesundheitssicherheit

Warum ein Impulsdialog über Gesundheitssicherheit?

Jüngste Entwicklungen haben veranschaulicht, wie fragil Sicherheit und Wohlergehen weltweit sind – auch in Deutschland: Die globale COVID-19-Pandemie brachte Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften an den Rand des Zusammenbruchs. Konflikte und klimabedingte Katastrophen bedrohen vielerorts Menschenleben, Lebensgrundlagen und die gesellschaftspolitische Stabilität. Diese multidimensionalen Bedrohungen kennen weder nationale Grenzen noch Ressortzuständigkeiten.

Diese Tatsachen verdeutlichen, weshalb „Gesundheitssicherheit“ zu einem zentralen Thema unter Fachleuten geworden ist. Um politische Entscheidungsträger*innen in Deutschland zu informieren, veranstaltete der Global Health Hub Germany einen hochrangig besetzten Impulsdialog – bereits den sechsten dieser Reihe seit 2022. In Einzelgesprächen und einer virtuellen Debatte brachte das Format drei internationale Expert*innen aus dem nichtstaatlichen Bereich – aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft, darunter aus dem Globalen Süden – sowie zwei deutsche Expert*innen aus einer Bundesbehörde und dem Verteidigungssektor zusammen. Die internationalen Perspektiven wurden dadurch um Innenansichten zu Prozessen und Politik im deutschen Kontext ergänzt.

Teilnehmende des Impulsdialogs

Internationale Expert*innen:

  • Aggrey Aluso, Geschäftsführer, Resilience Action Network Africa (RANA), Kenia.
  • Prof. Dr. David Heymann, Professor für Epidemiologie von Infektionskrankheiten, London School of Hygiene and Tropical Medicine; ehemaliger Vorsitzender der UK Health Protection Agency; ehemaliger Beigeordneter Generaldirektor der WHO für Gesundheitssicherheit und Umwelt, Genf, Schweiz.
  • Carmel Williams, Direktorin, Centre for Health in All Policies Research Translation, School of Public Health, University of Adelaide, Australien.

Deutsche Expert*innen:

  • Prof. Dr. Johanna Hanefeld, kommissarische Vizepräsidentin des Robert-Koch Instituts, Deutschland.
  • Generalstabsarzt Dr. Hans-Ulrich Holtherm, Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr, Deutschland.

Die in dem Impulsdialog und in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln die Bandbreite der Diskussion wider und beruhen nicht notwendigerweise auf einem Konsens aller fünf Teilnehmenden.

Drei zentrale Bedrohungen erfordern eine sektorübergreifende Antwort

Die Expert*innen benannten drei Kategorien von Herausforderungen: Pandemien und größere Krankheitsausbrüche, militärische, hybride und biologische Bedrohungen sowie Klimawandel und Extremwetterereignisse. 

Die Dialog-Teilnehmenden warnten davor, diese Bedrohungen isoliert zu betrachten. Vielmehr greifen sie ineinander und entfalten zusammen eine Wirkung, die weit größer ist als die Summe ihrer Einzelwirkungen: Eine schwache Surveillance verzögert beispielsweise die Erkennung von Gefahren; überlastete Gesundheitsdienste können einen plötzlichen Anstieg der Fallzahlen nicht auffangen und zugleich die Regelversorgung aufrechterhalten; Konflikte und staatliche Fragilität schwächen die Kontrolle von Krankheitsausbrüchen; und Störungen in Transport- und Lieferketten behindern die Gesundheitsversorgung. Die Expert*innen fordern daher eine „Polykrisen“-Perspektive, die den Verflechtungen zwischen Gesundheit und Sicherheit Rechnung trägt und Vorsorgemaßnahmen nicht auf einzelne Gefahren richtet, sondern systemische Verwundbarkeiten in den Blick nimmt.

„Gesundheit und Sicherheit sind miteinander verknüpft, ob man will oder nicht, wegen verschiedener Sicherheitsaspekte, die von Bioterrorismus bis hin zu Infektionskrankheiten reichen.“

— Johanna Hanefeld

Der vorsätzliche Missbrauch von Biotechnologie verdeutlicht die enge Verbindung von Gesundheit und Sicherheit. Die Bekämpfung von Bioterrorismus erfordert viele der gleichen Fähigkeiten, die zur Eindämmung natürlich auftretender Krankheitsausbrüche benötigt werden, darunter Surveillance-Systeme, Labore, funktionsfähige Krankenhäuser, Rettungsdienste und Versorgungsketten. Investitionen, die mit Sicherheitsinteressen begründet werden, können daher zugleich das Gesundheitssystem stärken.

„Gesundheit ist ein essentieller Teil unserer kritischen Infrastruktur. Kritische Infrastruktur und Sicherheit hängen engstens zusammen. Das sind nicht nur Stromleitungen, das ist nicht nur Cybersicherheit. Gesundheit ist untrennbar mit Sicherheit verbunden.“

— Hans-Ulrich Holtherm

Institutionelle und politische Hürden ressortübergreifender Zusammenarbeit

Obwohl Bedrohungen der Gesundheitssicherheit Ressortgrenzen überschreiten, haben Ministerien nach Ansicht der Expert*innen kaum Anreize, Zeit und Ressourcen in Ziele zu investieren, die teilweise außerhalb ihres formalen Zuständigkeitsbereichs liegen. Darüber hinaus erschwerten Deutschlands fragmentierte Verwaltungsstrukturen – voneinander entkoppelte Ressorts und Zielvereinbarungen ihrer Führungskräfte – die sektorübergreifende Zusammenarbeit und ließen diese als wenig lohnende Zusatzbelastung erscheinen. 

Einige Dialog-Teilnehmende verwiesen darauf, dass dem Bundesministerium für Gesundheit zudem das institutionelle Gewicht klassischer „Power-Ressorts“ wie Finanzen, Inneres, Verteidigung und Auswärtiges fehle, auch weil der Beitrag von Public Health und globaler Gesundheit zur nationalen Sicherheit oftmals nicht ausreichend anerkannt werde. Dies erschwere es dem Gesundheitsressort, aus eigener Kraft politisch einflussreichere Ministerien an einen Tisch zu bringen oder ressortübergreifendes Handeln außerhalb eines Krisenkontextes aufrechtzuerhalten.

Kurze politische Zeithorizonte verschärfen das Problem. Auch wenn Ministerien unter dem akuten Druck einer Krise zur Zusammenarbeit bereit sind, verliert die Kooperation häufig an Dynamik, sobald die Dringlichkeit nachlässt und temporäre Strukturen – wie etwa ein Krisenstab – aufgelöst werden. Dann wechseln Mitarbeitende ihre Positionen und gewonnene Erkenntnisse geraten in Vergessenheit, bis die nächste Notlage dieselben Lücken erneut offenlegt. Außerdem sind präventive Investitionen politisch oft schwer zu vermitteln, weil ihre größten Erfolge weitgehend unsichtbar bleiben: Eine Krise, die nicht eintritt, erhält weniger Aufmerksamkeit als ein neu gebautes Krankenhaus oder eine spektakuläre Krisenreaktion.

„Politische Entscheidungstragende sind mit Blick auf ihre Wiederwahl an kurzfristigen Erfolgen interessiert. Die Public Health Fachwelt hingegen denkt an langfristigen Wirkungen, die häufig nicht den Bedürfnissen von Politiker*innen entsprechen.“

— David Heymann

Das Papier argumentiert daher, dass Führungskräfte im Gesundheitsbereich ihren Umgang mit anderen Sektoren ändern müssten. Statt zu fragen, was ein anderes Ressort für die Gesundheit beitragen kann, sollten sie aufzeigen, wie gesundheitliche Kompetenzen diesem Ressort in der Erfüllung des eigenen Mandates helfen könne. Das Verteidigungsministerium profitiert beispielsweise von einer guten Vorbereitung auf biologische Bedrohungen, das Landwirtschaftsministerium vom Umgang mit zoonotischen Risiken, das Finanzministerium von der Vermeidung wirtschaftlicher Verwerfungen und das Auswärtige Amt von vertrauensvollen Partnerschaften.

Wie kann Gesundheitssicherheit in Deutschland als ressortübergreifende Aufgabe verankert werden? 

Das Impulspapier empfiehlt neun konkrete Schritte, mit denen deutsche Entscheidungsträger*innen Gesundheitssicherheit als sektorübergreifende Aufgabe etablieren können.

Einer der zentralen Vorschläge des Papiers ist, das in Verzögerung geratene Gesundheitssicherstellungsgesetz (GeSiG) als Grundlage für die Stärkung der Gesundheitssicherheit voranzubringen. Die Expert*innen empfahlen außerdem, Gesundheitssicherheit auf einer höheren Regierungsebene zu verankern: Das Bundesministerium für Gesundheit sollte einen ständigen Sitz im Nationalen Sicherheitsrat erhalten, und die übergreifende Steuerung der Gesundheitssicherheit sollte im Bundeskanzleramt angesiedelt werden. Dort können Mandatskonkurrenzen und -konflikte gelöst und die politische Stoßkraft zwischen Krisen aufrechterhalten werden.

Neben einem etablierten Rechtsrahmen und politischer Führung schlugen die Teilnehmenden des Impulsdialogs vor, die ressortübergreifende Zusammenarbeit auch „bottom up“ zu fördern. Durch den informellen Austausch auf Fachreferent*innenebene, beim gemeinsamen Bearbeiten von Aufgaben wie strategischer Vorausschau und Risikobewertung, sollten niederschwellige Möglichkeiten für ein Arbeiten über Ministeriumsgrenzen hinweg geschaffen werden. Dies würde Vertrauen schaffen, praktischen Nutzen belegen und institutionelle Grenzen durchlässiger machen – alles Voraussetzungen dafür, um ressortübergreifende Zusammenarbeit schließlich zu formalisieren.

„Bei ressortübergreifendem Handeln geht es vor allem um Beziehungen und Zusammenarbeit. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen und Macht zu teilen. Die Silos sollen nicht verschwinden – wir brauchen sie –, aber sie müssen durchlässiger werden.“

— Carmel Williams

Regelmäßige Simulationen sind eine weitere Priorität, um die Vorsorge durch praktische Übungen zu stärken und das Bewusstsein für den oft unsichtbaren Wert der Gesundheitssicherheit zu schärfen. Besonders wirksam ist dies, wenn politische Führungskräfte, Ministerien, Gesundheitsbehörden, Krankenhäuser, Labore, Rettungsdienste, Streitkräfte, Bevölkerungsschutz, Unternehmen und Zivilgesellschaft in die Übungen einbezogen werden.

„Es bedarf intensiver Arbeit an einem überzeugenden Narrativ, damit die Menschen den Nutzen unserer Investitionen erkennen, zum Beispiel wenn es uns gelingt, Gesundheitssicherheit zu gewährleisten und zu verhindern, dass Krankheitsausbrüche außer Kontrolle geraten. Über die Bevölkerung können wir diesen politischen Anreiz setzen.“

— Aggrey Aluso

Abschließend widersprachen die Teilnehmenden des Catalyst Dialogue der Vorstellung, nationale Gesundheitssicherheit könne getrennt von globaler Gesundheit betrachtet werden. Da Krankheitserreger, -überträger und antimikrobielle Resistenzen keine Grenzen kennen, kann Deutschland seine eigene Bevölkerung ohne effektive öffentliche Gesundheitssysteme im In- und Ausland nicht schützen. Daher plädierten die Fachleute dafür, dass Deutschland weiterhin eine Führungsrolle in der globalen Gesundheit übernimmt und die Investitionen des Landes in diesem Bereich ausdrücklich für „Soft-Power“-Diplomatie nutzt.

Alle Empfehlungen des Impulsdialogs können im Impulspapier zu Gesundheitssicherheit im Detail nachgelesen werden.

Hinweis:

Dieser Impulsdialog ist eine Initiative des Global Health Hub Germany und wurde vom Wellcome Trust gefördert. Die in dieser Veröffentlichung geäußerten Ansichten sind ausschließlich die der Teilnehmenden des Impulsdialogs. Sie geben nicht notwendigerweise die Positionen des Sekretariats des Global Health Hub Germany oder des Wellcome Trust wieder.

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