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"Mitglieder stellen sich vor" - mTOMADY - Der einfache Weg zur Zahlung von Gesundheitsleistungen in Subsahara-Afrika

Der Zugang zu Krankenversicherungen ist in den Staaten Subsahara-Afrikas ein rares Gut, das für ungefähr 800 Millionen Menschen nicht zugänglich oder erschwinglich ist. Wir sprechen heute mit Dr. Samuel Knauss und Dr. Julius Emmrich, die mit ihrer gemeinnützigen Firma mTOMADY eine Lösung gefunden haben, um die Zahlung von Gesundheitsleistungen bei Ärzt:innen und in Krankenhäusern über das Mobilfunknetz zu ermöglichen. Sogar Versicherungen können Patient:innen mithilfe der mTOMADY App abschließen. Das Projekt der beiden Neurologen von der Charité in Berlin wurde im Januar 2020 von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und dem Global Health Hub Germany als einer der Preisträger des Wettbewerbs „Neue Ideen für globale Gesundheit” ausgezeichnet. Seitdem hat sich bei mTOMADY vieles getan:

 

Hallo Herr Knauss und Herr Emmrich, lassen Sie uns damit anfangen, dass Sie sich und mTOMADY kurz vorstellen und etwas darüber erzählen, wie das Projekt entstanden ist und welche Ziele Sie verfolgen.

Samuel Knauss: Wir sind zwei der drei Gründer von mTOMADY. Im Dezember letzten Jahres haben wir die gemeinnützige mTOMADY GmbH gegründet. Das Projekt besteht allerdings schon seit 2017. Entstanden ist mTOMADY aus einem Projekt der Charité, dem Verein Ärzte für Madagaskar und dem Berliner Institut für Gesundheitsforschung. Den Verein Ärzte für Madagaskar hat Julius vor elf Jahren gegründet und ich bin auch schon seit über sechs Jahren dabei. Während unserer Arbeit vor Ort haben wir immer wieder gesehen, dass eine der größten Hürden für die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen in Madagaskar die Finanzierung war. Gleichzeitig aber haben sich sowohl in Madagaskar als auch in vielen anderen Ländern in Subsahara-Afrika ganz neue Modelle der Financial Inclusion und der Finanzierung entwickelt – dazu gehört das Bezahlen mit Mobiltelefonen, das sogenannte Mobile Money. Ein Schlüsselmoment war, das in dem Krankenhaus, mit dem wir seit Jahren zusammenarbeiten, wo es 2013 kein einziges Handy gab, im Jahr 2017 die Hälfte des Einkommens über Mobile Money gezahlt wurde. Und da dachten wir: Mit so viel technologischem Fortschritt, vor allem auch im Finanzbereich, muss man doch etwas machen können. mTOMADY hat dann zunächst ganz einfach als ein mobiles Gesundheitssparbuch angefangen, das Leuten ermöglicht, Geld auf dem Mobiltelefon spezifisch für Gesundheit zu sparen und auch von Verwandten oder Stiftungen zu empfangen. Das übergeordnete Ziel von mTOMADY ist es, möglichst vielen Leuten mit einfachen Technologien Zugang zu Gesundheitsfinanzierung zu geben. Das können spendenfinanzierte Projekte oder staatliche Projekte oder eben auch Krankenversicherungen sein. Wir verbinden die Mittelgeber:innen, Patient:innen und Krankenhäuser, so dass die Bezahlung von Gesundheitsleistungen für alle einfacher, schneller und besser wird.

 

Uns würde auch interessieren, warum Sie in der Gründungsphase Madagaskar ausgesucht haben, um aktiv zu werden.

Julius Emmrich: Samuel hatte ja schon erwähnt, dass es eine medizinische NGO gibt, an deren Gründung ich vor etwa 10 Jahren beteiligt war. Die erste Reise nach Madagaskar geht zurück auf eine Zufallsbekanntschaft mit einem madagassischen Arzt, einem Chirurg. Ich habe während meines Studiums zum Mediziner die Praxisphasen fast komplett in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen und vor allem in Afrika verbracht. Schon bevor das Studium losging, war ich ein Jahr in Südafrika und während eines Praktikums in einem Krankenhaus in Westafrika, lernte ich diesen madagassischen Chirurg kennen, der mich in der Art und Weise, wie er mit Patient:innen umging, sehr beeindruckt hat. Nachdem ich mit meinem Studium fertig war, lud er mich nach Madagaskar ein und ich bin dann mit einer Gruppe von Kinderchirurgen und Anästhesisten hingefahren. Er holte uns am Flughafen ab und wir fuhren drei Tage mit einem Jeep durch die Regenzeit immer weiter in den Süden, 1.200 Kilometer, bis wir dann an dem Krankenhaus ankamen. Wir waren tief beeindruckt von der Art und Weise, wie dort Medizin gemacht wird. Im südlichen Madagaskar werden auch ganz einfache Entwicklungsindikatoren nur schwer erreicht. Es war mir lange Zeit vorher nicht klar, wie arm Madagaskar eigentlich ist, dass es immer unter den fünf ärmsten Ländern gelistet wird und auch als das ärmste Land der Welt gilt, in dem im Moment kein bewaffneter Konflikt stattfindet. Aus einer Spendenaktion unter Freunden und Kollegen wurde dann ein Verein und später gründeten wir die gleichen Strukturen in Luxemburg und in England, weil wir auch dort Freunde und Bekannte hatten, die miteinander an einem Strang ziehen wollten. Heute sind wir eine mittelgroße NGO und die größte deutsche medizinische NGO in Madagaskar mit etwa 80 Angestellten. Daraus ist, wie Samuel schon erwähnt hat, unser spannendes Projekt mTOMADY entstanden, das jetzt auf eigenen Füßen steht und auch weit über Madagaskar hinaus aktiv wird. Und das ist ganz wunderbar: Eigentlich aus dem madagassischen Busch, wirklich im Nirgendwo, ist etwas entstanden, das wachsen kann, das übertragbar ist auf andere Regionen und jetzt sogar auf andere Länder.

 

Sie sprechen gerade andere Regionen und Länder an, gibt es denn bereits konkrete Pläne, den Service von mTOMADY auch in anderen Staaten anzubieten?

Samuel Knauss: Ja, denn das Problem gibt es überall. Die Voraussetzungen sind relativ einfach: Es muss eine bestehende Krankenversorgungsstruktur und ein gewisses Niveau an Infrastruktur und Internet geben. Wir arbeiten sehr daran, dass es noch einfacher wird, auch offline zu synchronisieren. Zielgruppe sind Menschen, die keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben und ich glaube, das trifft auf die Mehrheit der Weltbevölkerung zu. Im Moment planen wir Projekte in Uganda und Ghana. Aber es gibt auch schon Anfänge im Kongo und in Südafrika. Der Bedarf ist groß und wir sind offen. Aber im Moment liegt unser Fokus auf Subsahara-Afrika.

 

Im Januar 2020 wurde mTOMADY im Rahmen des Wettbewerbs „Neue Ideen für globale Gesundheit“ von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ausgezeichnet. Welche Neuigkeiten und Entwicklungen gab es seitdem und konnte der Gewinn des Ideenwettbewerbs zum Wachstum des Projekts beitragen?

Julius Emmrich: Ja, total. Zum Zeitpunkt, als wir den Preis gewonnen haben, war mTOMADY noch ein sehr begrenztes Projekt: Es war örtlich begrenzt und es war auch im Hinblick auf die Menschen, die davon Nutzen trugen, begrenzt. Wirkungsort war die größte Stadt Madagaskars, die Hauptstadt Antananarivo und die Gruppe von Menschen, die das Angebot nutzen konnten, waren schwangere Frauen. Es war also ein Gesundheitssparbuch für Schwangere. Und seitdem hat es sich vom Gesundheitssparbuch weiterentwickelt zu einer Art elektronischer Krankenversicherungskarte, nur dass es sich nicht um eine Karte handelt: Alles funktioniert komplett über das Handy mit der Telefonnummer oder der SIM-Karte. Neben dem Gesundheitssparbuch gibt es jetzt auch andere Funktionen, wie eine Krankenversicherung oder eine Versicherung über den Arbeitgeber. Eine große Firma, die beispielsweise Kakao- oder Vanillebauern anstellt und das Produkt exportiert, kann jetzt ganz einfach über diese Plattform und über Handys allen Angestellten zu einer Krankenversicherung verhelfen. Das ist transparent und geht schnell. Für Menschen, die überhaupt nicht krankenversichert sind und immer aus der Tasche zahlen müssen, ist das ein riesiger Fortschritt. Wir sind jetzt in dem ganzen Land verfügbar und offen für alle Erkrankungen und Patient:innen, mit mehreren Partnern. Früher war es nur das Gesundheitsministerium und jetzt sind es private Krankenhäuser, öffentliche Krankenhäuser und verschiedene Krankenversicherungen. Die Auszeichnung als eine der drei besten Ideen für globale Gesundheit hat uns Türen aufgemacht, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Das hat also sicherlich dazu beigetragen, dass wir diesen tollen Zugang jetzt auch in anderen Staaten in Subsahara-Afrika haben.

 

Waren Sie schon vor dem Ideenwettbewerb Mitglieder beim Global Health Hub, oder sind Sie im Zuge der Bewerbung auf den Hub aufmerksam geworden?

Samuel Knauss: Wir sind schon seit der ersten Stunde Mitglied und unterstützen den Hub auch sehr. Wir leiten die Arbeitsgruppe zu „Digital Tools for Health Financing“ und würden uns da natürlich auch in Zukunft sehr über Austausch freuen. Ich glaube, der Global Health Hub lebt davon, dass die Leute sich miteinander austauschen. Wir hatten schon ein paar Treffen, die waren auch gut und konstruktiv. Aber natürlich ist mehr Austausch immer besser.

 

Also eine herzliche Einladung in den Hub hinein, sich zu vernetzen. Inwiefern ist denn bei Ihrer Arbeit die sektor- und akteursübergreifende Zusammenarbeit wichtig?

Samuel Knauss: Uns ist eigentlich erst im Verlauf unserer Arbeit aufgefallen, was wir da machen. Wir sind jetzt ein gemeinnütziges Unternehmen und auch in Madagaskar ein Unternehmen. Außerdem arbeiten wir aber natürlich weiterhin viel mit klassischen NGO-Strukturen zusammen. Für die Implementierung kooperieren wir weiterhin intensiv mit dem Verein und gleichzeitig kommen wir ja ursprünglich eigentlich aus der Akademie und haben da auch viele Partner, zum Beispiel im Heidelberg Institute of Global Health, mit denen wir die ganze wissenschaftliche Evaluation und auch Projekte zusammen machen. Und wir sehen, es geht nur so. Es geht nur durch diese Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure und unterschiedlicher Akteursgruppen und Sektoren.

 

Zum Abschluss würden wir Ihnen gerne noch die Gelegenheit geben, aktuelle Initiativen und Projekte rund um mTOMADY vorzustellen. Gibt es da Neuigkeiten, auf die Sie gerne aufmerksam machen würden?

Julius Emmrich: Ja vielen Dank, das ist eine tolle Möglichkeit. Ich hatte vorhin bereits kurz angesprochen, dass wir sehr daran interessiert sind, mit Firmen, die zum Beispiel Produkte wie Kaffee, Schokolade oder Kakao exportieren, zusammenzuarbeiten. Firmen, die einen Schritt mehr machen möchten, als „nur“ Fair Trade Produkte anzubieten, Firmen die sagen: „Uns ist wichtig, dass die Menschen auch gesund sind, die für uns oder mit uns arbeiten.“ Im NGO-Bereich herrscht ja häufig dieses Denken in Projekten und Projekte haben das Problem, dass sie normalerweise ein Enddatum haben. Wenn etwas dauerhaft funktionieren soll, ist es wichtig, dass ein beiderseitiges Interesse vorhanden ist. Und da sehen wir, dass es in diesem Gebiet wirklich viel Interesse gibt, während bisher eigentlich kaum eine Lösung angeboten werden konnte. Dass man sagt, ich kaufe mir eine Tasse Kaffee irgendwo in Berlin-Mitte und zahle 50 Cent mehr und bin mir dabei sicher, dass dieser Betrag allen Bauern, die diesen Kaffee angebaut haben und deren Familien zukommt. Und dieses Geld kann dann abgerufen werden, wenn es darauf ankommt, eine Behandlung im Krankenhaus zu bekommen. Also dabei handelt es sich ja eigentlich um eine Private NGO Partnership oder Public Private Partnership, wenn dann noch öffentliche Krankenhäuser mitmachen. So was finden wir spannend und wir merken, dass das Interesse besteht und würden da gerne noch weiter diesen Weg gehen.

 

Im Prinzip wie eine direkte Solidarabgabe zwischen Konsument:innen hier und den Menschen, die das Produkt produzieren?

Julius Emmrich: Ja und wir haben jetzt gemerkt, da gibt es großes Interesse und das ist was ganz Spannendes, weil man durch unser Tool und unsere Software einen sehr hohen Grad an Transparenz erreicht. Unterschlagung oder Verlust von Geldern ist in diesem System extrem unwahrscheinlich und es ist außerdem eine sehr unmittelbare Beziehung zwischen Konsument:innen und Produzent:innen. Diese Initiative würden wir gerne mit mehr Partnern vorantreiben.

 

Mehr Informationen zu mTOMADY finden Sie hier.

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