Mitglieder stellen sich vor

„Mitglieder stellen sich vor“ - European Network Architecture for Health (ENAH)

Was hat Architektur mit Gesundheit zu tun fragen Sie sich jetzt vielleicht. Aber die beiden Themen hängen tatsächlich eng zusammen: Zum Beispiel im Rahmen der Krankenhausarchitektur, die funktional und gesundheitsfördernd, sowohl für Patient:innen als auch für das Krankenhauspersonal sein sollte. Dabei geht es zum Beispiel um das Patient:innenzimmer, das optimal zur Genesung beitragen sollte. Zusätzlich geht es für das Krankenhauspersonal aber auch um Effizienz sowie um Möglichkeiten für Rückzugsorte zur Stressbewältigung. Über diese Schnittmenge zwischen Gesundheit und Architektur und welchen Einfluss die Corona-Pandemie auf das Thema hat, darüber sprechen wir heute mit der Architektin Stefanie Matthys, Managing Director des European Network Architecture for Health (ENAH) gesprochen. Seit kurzem ist das ENAH Mitglied des Global Health Hubs Germany.

 

Frau Matthys, womit beschäftigt sich das European Network Architecture for Health und wie sind Sie selbst zum Thema Architektur und Gesundheit gekommen?

 

 Als Architekt:innen und Stadtplaner:innen sind wir wahrscheinlich Exoten im Global Health Hub, der sich dann doch eher aus Akteuren im Gesundheitswesen zusammensetzt. Ich selbst habe seit meinem Berufseinstieg Erfahrungen mit dem Bauen im Gesundheitswesen gemacht, weil ich schon früh mit Wettbewerben für Krankenhausbauten in Berührung kam. Mich hat sofort fasziniert, wie man Gebäude baut, die für Patient:innen und Personal zuträglich sind. Zu dem Zeitpunkt war ich in Paris bei Brunet Saunier Architecture. Dann habe ich 2009 begonnen, mich an der TU Berlin intensiver und auch wissenschaftlich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich leitete dort das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Forschungsprojekt Healing Architecture und so bin ich auch in diese Netzwerkarbeit hineingekommen, die sich sehr intensiv mit dem Bauen im Gesundheitswesen und der gesundheitsfördernden Sicht auf Architektur auseinandergesetzt hat. Das Projekt war am Lehrstuhl „Entwerfen von Krankenhäusern und Bauten des Gesundheitswesens” von Professor Christine Nickl-Weller angesiedelt. An diesem Lehrstuhl sowie in der Kooperation mit anderen Wissenschaftler:innen an verschiedenen Universitäten, wie zum Beispiel dem Fachbereich „Architecture, Urbanism and Health” an der University of Groningen, ist dann der Gedanke entstanden, man müsste dieses Vernetzen und das gemeinsame Diskutieren über Architektur und Städtebau im Gesundheitswesen auf professionelle Beine stellen. Daraus ist dann das European Network Architecture for Health (ENAH) entstanden, zunächst als loses Netzwerk und seit knapp drei Jahren als gemeinnützige Gesellschaft, die drei primäre Ziele verfolgt: Erstens Vernetzung, also der Austausch von Architekten und Städtebauern mit Experten des Gesundheitswesens, zweitens die Förderung der Lehre und von Studierenden in dem Bereich, zum Beispiel durch einen Award, den wir ausschreiben und Summer Schools, die wir veranstalten. Der dritte Schwerpunkt liegt auf der Initiierung und Begleitung von Forschungsprojekten, in die wir unser Wissen einfließen lassen können.

 

Welche Herausforderungen sehen Sie für auf die Förderung von Gesundheit ausgerichtete Architektur und Stadtplanung im Kontext von Global Health? Gibt es zum Beispiel Widersprüche zwischen eher universellen Lösungsansätzen und lokalen Besonderheiten?

 

Die Herausforderungen sind eigentlich auf globaler Ebene die gleichen. Auf den Städtebau bezogen gibt es Einflüsse, die durch unsere Umwelt und unsere gebaute Umwelt entstehen, wie zum Beispiel Lärmbelastung, Luftverschmutzung, Hitzephänomene in der Stadt oder Effekte durch fehlende Grünräume, die alle einen Einfluss auf menschliche Gesundheit haben. In allen Städten der Welt spielen diese Faktoren eine Rolle. Aber diese Phänomene sind auch immer kontextspezifisch: Man kann die Gesundheitsprobleme mit einem Slum in Lima nicht mit den Problemen vergleichen, die wir in Berlin Marzahn haben. Die demographische Situation, das nationale Gesundheitswesen und bauliche Gegebenheiten führen zu ganz individuellen Schwerpunkten. Dennoch, die Hauptprobleme sind eigentlich die gleichen. In Bezug auf den zweiten Schwerpunkt des ENAH, der Architektur von Krankenhausbauten, ist es auch so, dass die Themen sich weltweit ähneln: Wie schaffe ich eine genesungsfördernde Umgebung? Wie schaffe ich eine Umgebung, die bei der Stressbewältigung hilft? Wie unterstützen wir die Effizienz des Krankenhauspersonals? Und auch dort muss dann natürlich vor Ort auf ganz unterschiedliche kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Hintergründe eingegangen werden.

 

Covid-19 hat Missstände in unseren Gesundheitssystemen augenscheinlich werden lassen, mit denen Sie sich sicherlich schon geraume Zeit vorher auseinandergesetzt haben. Wo sehen Sie die größten Chancen oder auch die größte Notwendigkeit für auf Architektur und Stadtplanung basierende Interventionen?

 

Was den Krankenhausbau angeht ist die Frage, inwiefern man vielleicht komplett auf Einbettzimmer umschwenken muss, im Zuge der Covid-19 Krise nochmal akuter geworden. Aber auch der Aspekt, wie flexibel Krankenhäuser eigentlich auf veränderte Situationen reagieren können müssen, ist in dieser Krisensituation bedeutend geworden. Jetzt ging es vor allem darum, wie man ganz schnell Kapazitäten für Intensivbehandlungen schafft. In diesem Zusammenhang wird schon länger über sogenannte „Acuity-adaptable Patient Rooms” geredet, also im Grunde Patientenzimmer, die je nach Schweregrad der Erkrankung anpassbar sind. Aktuell gibt es die Normalpflege-Zimmer und die technisch hoch ausgestatteten Intensivpflege-Zimmer. Die Frage ist, ob es nicht eher auf ein Basismodul hinauslaufen müsste, das dann je nach aktueller Bedarfslage im Krankenhaus schnell zu adaptieren ist. Ein anderes Thema ist sicher auch, wie viele Freiräume ein Krankenhaus seinem Personal zur Verfügung stellen kann. Sie kennen diese Bilder des überlasteten Krankenhauspersonals aus den Medien, wo tatsächlich auch einfach Räume fehlen, wo man sich zurückziehen oder auch eine Pause im Grünen auf einem Balkon oder einer Terrasse verbringen kann. Hoffentlich wird diese Krise dazu führen, dass diese Diskussion weiter fortgesetzt wird.

Auch in Bezug auf Stadtplanung ist natürlich zu hoffen, dass die aktuelle breite gesellschaftliche Debatte über Gesundheit und die Erkenntnis, dass die Gesundheit eines Landes ein ganz wesentlicher Faktor für seine ökonomische und soziale Sicherheit darstellt, auch über die Dauer der Krise hinaus genutzt werden kann, um Diskussionen über klimafreundliche und gesundheitsfördernde Konzepte in die richtige Richtung zu lenken. Das Schlagwort „Health in all policies” ist ja schon lange in der Welt, aber noch nicht richtig in den Köpfen angekommen. Die Pandemie macht Gesundheit als ein Querschnittsthema sichtbar, das sowohl in die Verkehrsplanung als auch in die Architektur und in die Stadtplanung einfließen sollte.

 

Sie haben bereits angesprochen, dass die Corona-Pandemie neben den Anforderungen für eine gute Behandlung von Patient:innen auch ein neues Schlaglicht auf die Bedürfnisse des medizinischen Personals geworfen hat. Gibt es Konzepte, die im Moment in der Diskussion sind oder vielleicht schon umgesetzt wurden, die Sie als besonders richtungsweisend ansehen?

 

Aktuell findet ein Umdenken im Krankenhausbau in Bezug auf die Mobilität des Personals statt. Die sogenannte digitale Visite ersetzt mehr und mehr das Arztzimmer. Wenn dem Personal diese Art der Rückzugsräume wie Büros und Arztzimmer mehr und mehr verloren gehen, sollte aber darauf hingearbeitet werden, dass Alternativen geschaffen werden. Ich würde diesen Aspekt also nochmal unterstreichen: Wenn Visiten und Besprechungen vermehrt digital und mobil stattfinden, dann muss die Gestaltung des Arbeitsplatzes Krankenhaus darauf Rücksicht nehmen und entsprechende Angebote machen.

 

Eines der wichtigsten Ziele des Global Health Hub ist die Stärkung des Dialogs unter den verschiedenen Akteuren im Bereich globale Gesundheit. Inwiefern ist die sektor- und akteursübergreifende Zusammenarbeit in Ihren Arbeitszusammenhängen besonders wichtig?

 

Wir sitzen ja mit ENAH zwischen sämtlichen Stühlen, da wir uns zwischen Bauwesen, Stadtplanung und Gesundheit bewegen. Diesen Dialog also überhaupt anzuregen, zum Beispiel Architekt:innen und Ärzt:innen miteinander ins Gespräch zu bringen, ist eigentlich schon der erste Erfolg. Der Global Health Hub ist in dieser Hinsicht perfekt für uns. Ich habe gerade gestern das erste Mal am Treffen der Arbeitsgruppe „Urban Health” teilgenommen und war begeistert, wie viele unterschiedliche Perspektiven da zusammenkommen: Sowohl von Seiten der Public Health, als auch Geographen, Mediziner oder auch meine Perspektive als Planer, diese Diversität der verschiedenen Blickwinkel hat man eigentlich selten. Und das ist auch die große Chance des Hub, Leute zusammenzubringen, die normalerweise nicht ins Gespräch kommen würde.

 

Ich kann mir vorstellen, dass das ENAH in multidisziplinären Konstellationen, also zum Beispiel zwischen Medizinern und dem Bauwesen, häufig als Vermittler auftreten und auch Bedürfnisse übersetzen muss.

 

Ja, absolut. Der normale Durchschnitts-Architekt fragt sich: Was soll ich mich jetzt noch mit Gesundheitsthemen auseinandersetzen? Mein Bauprojekt ist so schon kompliziert genug. Leider findet dieser Dialog dann oft erst statt, wenn das Projekt schon läuft und dann ist es eigentlich schon zu spät.

 

Vielen Dank für das Gespräch Frau Matthys! Möchten Sie vielleicht zum Abschluss auf aktuelle Projekte oder Initiativen des ENAH aufmerksam machen?

 

Im Kontext Urban Health planen wir derzeit einen Workshop an der TU Berlin, bei dem es darum geht, wie Barrieren bei der Umsetzung von gesundheitsförderndem Städtebau überwunden und eingerissen werden können. Die Ergebnisse dieses Workshops plane ich dann auch in den Hub einzubringen und hoffe, Akteure im Hub zu finden, die bereit wären, sich in diesem Themenfeld zu engagieren und mitzumachen.

 

Näheres zum European Network Architecture for Health finden Sie hier. 

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