Mitglieder stellen sich vor

„Mitglieder stellen sich vor“ - Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

Der Global Health Hub Germany wird in diesem Monat zwei Jahre alt und anlässlich dieses Jubiläums sprechen wir mit Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge. Frau Hornidge ist Professorin für Globale Nachhaltige Entwicklung an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und die Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE war eines der ersten Mitglieder des GHHG und hat die Entwicklung des Hub aktiv mitgestaltet.
 

Frau Professor Dr. Hornidge, wozu wird am DIE gearbeitet und in welchen Zusammenhängen beschäftigt sich das Institut mit globaler Gesundheit? 

 

Wir sind ein Wissenschaftsinstitut, das sich als Forschungsinstitut und Think Tank begreift. Wir betreiben Politikberatung basierend auf unserer Forschung und unterhalten ein Postgraduierten- und Ausbildungsprogramm. Uns beschäftigen unterschiedliche Fragen, die für die Transformation unserer Sozial- und Wirtschaftssysteme im Hinblick auf Nachhaltigkeit relevant sind. In einem unserer Programme befassen wir uns beispielsweise mit Umwelt-Governance. In einem anderen Programm geht es um Finanz-, Wirtschafts- und Steuersysteme, wobei es dort auch um Gesundheitsökonomik geht, somit um wirtschaftliche Fragestellungen in Bezug auf Gesundheit. Und das sind auch die zwei Bereiche, die für unsere Arbeit mit dem Global Health Hub am relevantesten sind. Was noch hinzukommt, ist die Auseinandersetzung mit multilateralen Institutionen und den Reformagenden, an deren Umsetzung teilweise schon seit Jahrzehnten gearbeitet wird. Auch hier gibt es natürlich Überlappungen mit dem Thema globale Gesundheit, da die Organisationsstruktur für globales Gesundheitsmanagement auf der multilateralen Ebene eine wichtige Rolle spielt.

 

Seitdem das DIE vor zwei Jahren dem GHHG beigetreten ist, engagiert sich das Institut im Lenkungskreis des Hub. Wie bringen Sie sich ein und was für Schwerpunkte versuchen Sie zu setzen?

 

Was wir einbringen können und möchten ist unsere Stärke im politikberatenden Kontext mit Blick auf unsere Think Tank-Arbeit. Hier konzentrieren wir uns insbesondere auf Fragestellungen, die die Verquickung von Umwelt-Governance und Gesundheitsmanagement ins Zentrum stellen. Anhand der momentanen Krise sehen wir ja, dass genau dieses Zusammenspiel von Biodiversitätsmanagement und globalen Gesundheitsherausforderungen für die internationale Gemeinschaft eine große Rolle spielt.

 

Die neuesten Untersuchungen der WHO in Wuhan scheinen ja eine Übertragung des Covid-19 Virus vom Tier auf den Menschen nahezulegen.

 

Ja und man muss sich auch vor Augen führen, dass die WHO pro Monat im Schnitt um die 2.000 Signale für Zoonosen registriert. Nicht jedes Signal stellt sich als bewahrheitet oder als gravierend heraus und dennoch ist es eigentlich überraschend, dass wir diese Form der Pandemie erst jetzt auf globaler Ebene erleben. Alle anderen Varianten, ob es sich um andere SARS-Varianten oder Ebola handelt, konnten bisher noch regional eingegrenzt werden.

Diese Schnittstelle Umwelt und Gesundheit ist demnach einer der Bereiche, in dem wir auch aus internationaler Perspektive zum Hub beitragen können.

 

Für wie wichtig halten Sie in diesem Kontext Zusammenarbeit über verschiedene Sektoren hinweg?

 

In meinen Augen ist die intersektionale Zusammenarbeit sehr wichtig. In den letzten 20 Jahren habe ich immer wieder in interdisziplinären Teams gearbeitet oder sie auch geleitet. Dabei ging es in den meisten Fällen um Interdisziplinarität von Sozial- und Kulturwissenschaften bis hin zu Naturwissenschaften. Die Krise zeigt ja sehr deutlich, wie sektorübergreifend solche globalen Herausforderungen sind. In den letzten Wochen hat zum Beispiel das Thema der gesellschaftlichen Akzeptanz beziehungsweise auch der mangelnden gesellschaftlichen Akzeptanz zum Thema Impfstoffe unsere öffentliche Diskussion sehr stark geprägt. Das ist für mich ein ganz klassisches Beispiel für die Vielschichtigkeit einer Herausforderung wie der der Pandemie, die auch des Zusammenspiels ganz unterschiedlicher Expertisen zu ihrer Bekämpfung bedarf.

Da benötigt es auf der einen Seite natürlich der gesundheitlichen Expertise im kurzfristigen Management und im mittelfristigen Umgang mit dem Virus selbst. Gleichzeitig wurde auch schon zu Beginn deutlich, dass wir nicht nur eine Gesundheitskrise vor Augen haben werden, sondern, dass die Gesundheitskrise eine sozioökonomische Krise nach sich zieht. Es geht immer mehr um das Stabilisieren unserer Finanzsysteme und unserer Wirtschaften. Wir haben in Zukunft also nicht nur mit mutierenden Viren zu kämpfen, sondern eben auch mit erodierenden Wirtschaften und einer Finanzkrise, die uns in weitere Krisen, wie politische und gewaltvolle Konflikte, ziehen kann. Hier sehen wir sehr gut, wie die Gesundheitskrise einerseits der Gesundheitsexpertise bedarf, aber andererseits eben auch ökonomische und sozialwissenschaftliche Expertise erforderlich macht.

In Bezug auf die Impfstoff-Debatte ließ sich gut beobachten, dass der Impfstoff unheimlich schnell entwickelt werden konnte, aber der Diskurs zur Akzeptanz dieser Innovation in der Gesellschaft hinterherhinkte. Das ist ein klassisches Beispiel für die Rolle von Interdisziplinarität: Man braucht unterschiedliche Expertisen von Gesundheitsexperten über Ökonomen bis hin zu Soziologen, Ethnologen und Psychologen, um die Auswirkungen der Krise zu bearbeiten. Fragen von globaler Gesundheit sind, so wie eigentlich alle Fragen von globalen gesellschaftlichen Herausforderungen, ganz klar interdisziplinär zu klärende Fragen.

 

Akteure aus unterschiedlichen Sektoren zusammenzubringen und Disziplinen an einen Tisch zu holen, um gemeinsam an Problemen zu arbeiten, waren ja von Anfang an ein Ideal des Global Health Hub. Wie sehen Sie die Entwicklung bisher und was für Wünsche würden Sie dem Hub für die kommenden Jahre mitgeben?

 

Was ich sehe ist, dass der Hub in den zwei Jahren seiner Existenz unheimlich gewachsen ist. Der Hub umfasst mittlerweile über eintausend Menschen und Organisationen und vor allem Vertreterinnen und Vertreter aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Sektoren. Insofern sehe ich die Stärken des Hub eigentlich in zwei Bereichen:

Einmal darin, eine Dialogplattform für die ressortübergreifende Kommunikation zu politischen Maßnahmen und Strategien der globalen Gesundheit darzustellen. Es bedarf da wirklich dem Konzert der unterschiedlichen Ressorts. Es reicht nicht aus, wenn das Gesundheitsministerium allein sich der globalen Gesundheit annimmt. Das Entwicklungsministerium spielt hier rein. Forschung spielt eine ganz zentrale Rolle. Das heißt das BMBF muss involviert sein. Wirtschaftsfragen, das führt uns auch die Krise vor Augen, sind nicht von Gesundmanagementfragen zu trennen. Wir haben hier also einen unheimlichen Bedarf an ressortübergreifendem Austausch und damit auch an ressortübergreifender Politikberatung. Da sehe ich den Hub als eine Dialogplattform.

Um dann noch einen Schritt weiter zu gehen, sehe ich den Hub auch als Dialogplattform in die Breite der Gesellschaft hinein. Ich hatte ja schon das Beispiel mit dem Impfstoff genannt, bei dem wir sehen, dass der öffentliche Diskurs noch nicht reif genug war, um ausreichende gesellschaftliche Akzeptanz zu erzeugen. Das ist aus innovationstheoretischer Perspektive auch überhaupt nicht überraschend. Es bestätigt Diskussionen, vielmehr Diskussionen in der Innovationstheorie, die sagen, dass Technologien und Gesellschaft reziprok vereint und zusammen voranschreiten müssen. Sonst wird eine Innovation nicht angewandt. Da sehe ich die zweite Stärke des Hub: Er kann zu diesem breiten gesellschaftlichen Diskurs zu globalen Gesundheitsfragen beitragen.

Diskussionsprozesse um globale Gesundheit haben sich im Verlauf des letzten Jahres unheimlich verdichtet. Wir alle sind auf einmal sehr viel mehr gefordert, uns dazu zu äußern, uns dazu Gedanken zu machen, Forschungsprojekte umzugestalten und auch die Politikberatung auf globale Gesundheitsfragen noch sehr viel stärker zuzuspitzen. Da hilft es immens, in unterschiedlichen Diskussionsforen immer wieder zusammenzukommen und trotz der virtuellen Herausforderung einen kontinuierlichen Dialog mit den verschiedenen Akteuren zu führen. Das ist unheimlich viel wert.

Näheres zur Arbeit des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik finden Sie unter www.die-gdi.de.

Frau Prof. Dr. Hornidge ist außerdem seit Sommer 2020 als gewähltes Mitglied für die Akteursgruppe Think Tank im Lenkungskreis des GHHG vertreten.

 

Foto: DIE 

Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge
Prof. Dr. Hornidge

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